Junger Türke erschoss seine Schwester, deren westlicher Lebensstil in der Familie auf Ablehnung gestoßen war
Das Berliner Landgericht verurteilte einen 18-jährigen Türken zu neun Jahren Gefängnis, weil er seine 23-jährige Schwester erschossen hat. Sein Motiv: Ihr westlicher Lebensstil habe die Ehre der Familie besudelt.
Als Hatun Sürücü mitten auf der Straße starb, war es in Berlin eiskalt. Die Mutter eines fünfjährigen Buben wurde am 7. Februar 2005 aus kurzer Entfernung an einer Bushaltestelle im Berliner Stadtteil Tempelhof erschossen. Aus einer halbautomatischen Kurzwaffe vom Kaliber 7,65 Millimeter gefeuert hat ihr jüngerer Bruder Ayhan.
"Feige statt ehrenhaft"
Am Gründonnerstag hat ihn das Berliner Landgericht zu einer Jugendstrafe von neun Jahren und drei Monaten verurteilt und blieb damit nicht allzu weit unter der Höchststrafe von zehn Jahren, die der Staatsanwalt gefordert hatte. "Diese lebenslustige, junge Frau wurde Opfer, weil sie ihr Leben lebte, so wie sie es für richtig hielt - dafür wurde sie erschossen von ihrem Bruder, und das alles mitten unter uns", sagte der Vorsitzende Richter Michael Degreif.
Erleichtert über das Urteil ist der Berliner Innensenator Erhart Körting (SPD): "Ich bin froh darüber, denn damit wird gezeigt, dass es sich um ein feiges Verbrechen gegenüber der eigenen Schwester handelt und nicht um etwas, was mit Ehre zu tun hat."
Familie Sürücü, die vor 30 Jahren aus Ostanatolien nach Berlin kam, war streng religiös. Nachbarn erzählen, dass die neun Kinder bis zu fünfmal am Tag beten mussten. 1998, mit 15 Jahren, wurde Hatun von ihrer Familie zu einer Ehe mit einem Cousin in der Türkei gezwungen. Ein Jahr später brachte sie in Berlin ihren Sohn zur Welt und weigerte sich danach, wieder in die Türkei zurückzugehen.
Kopftuch abgelegt
Hatun legte das Kopftuch ab, begann eine Ausbildung als Elektromechanikerin, zog von daheim aus und hatte auch eine neue Beziehung. "Ihre Männergeschichten" hätten ihn und die Familie abgestoßen, ließ Bruder Ayhan vor Gericht in einer Erklärung verlesen, als er die Tat gestand. Er nannte sie "Schlampe" und "Hure". Als der Vater nach 25 Jahren in einer Berliner Bäckerei in Pension ging und immer öfter in die Türkei fuhr, übernahm Ayhan die Rolle des Familienoberhauptes - die älteren Brüder waren schon ausgezogen.
Auch an jenem Februarabend im vorigen Winter ging es wieder einmal um den Lebenswandel der Schwester. Der Bruder war bei ihr zu Besuch und eigentlich wollte die angespannte Beziehung der jungen Frau zu ihrer Familie wieder verbessern. Sie begleitete ihn zur Bushaltestelle. Für das, was danach passierte, gibt es keine Zeugen. Möglicherweise hätte es keine Verurteilung gegeben, wenn nicht eine andere junge Türkin ausgesagt hätte.
Melek war zur Tatzeit mit Ayhan befreundet und der erzählte ihr von dem "Ehrenmord". "Mama, die haben das alle zusammen geplant", soll sie ihrer Mutter unter Tränen erzählt haben. Diese überredete ihre Tochter zur Aussage. Im Zeugenstand erschien Melek mit kugelsicherer Weste. Mutlu, der 26-jährige Bruder von Sürücü, soll Ayhan gedrängt haben, die Tat endlich zu begehen und die Waffe besorgt haben. Laut Melek war er genauso am Tatort wie der 24-jährige Bruder Alpaslan.
Der Todesschütze soll Hatun noch gefragt haben, ob sie Allah für ihre Sünden um Vergebung gebeten habe. "Um Gottes Willen, mach es nicht", waren nach Meleks Aussage die letzten Worte Hatuns, bevor sie erschossen wurde. Mutlu und Alpaslan wurden aus Mangel an Beweisen freigesprochen, Melek lebt heute in einem Zeugenschutzprogramm an unbekanntem Ort. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.4. 2006)
Von Birgit Baumann aus Berlin