Die Überlistung des Minotauros

Redaktion, 14. April 2006, 18:54
  • Mit Posaune und Flügeln in die "Neuzeit" der Frau: eine der Zeitschriften aus den Beständen der ÖNB, die von Ariadne digitalisiert wurden.
    bild: standard/önb
    Mit Posaune und Flügeln in die "Neuzeit" der Frau: eine der Zeitschriften aus den Beständen der ÖNB, die von Ariadne digitalisiert wurden.

Ariadne-Projekt "Frauen in Bewegung" macht Dokumente der österreichischen historischen Frauenbewegung online zugänglich

Seit Kurzem sind die Dokumente der österreichischen historischen Frauenbewegung Seite für Seite im Internet nachzulesen. Das ehrgeizige Projekt "Frauen in Bewegung" ist einer der Forschungsschwerpunkte von Ariadne, der frauenspezifischen Dokumentationsstelle der Nationalbibliothek.


Wien - "Krieg und Ehe" titelte Grete Meisel-Hess eines ihrer Werke. Gemeint war nicht der Kampf der Geschlechter. Man schrieb das Jahr 1916. Die Autorin, die in Schriften wie "Die sexuelle Krise" (1907) oder "Das Wesen der Geschlechtlichkeit" (1916) vehement für das sexuelle Glück der Frau stritt, sah ebenjenes existenziell gefährdet - sehr konkret: durch die schweren Verluste des Krieges, die Toten.

Männliche Tote, deren große Zahl ebenso viele allein stehende Frauen zurückließ - sie allein ließ in einer Gesellschaft, deren rigide Sexualmoral ihnen wenig Spielraum einräumte zur Erfüllung ihrer körperlichen Wünsche. Ein Gesichtspunkt der Kriegstragik, der für gewöhnlich zu gering geschätzt wurde, um Beachtung zu finden.

"Eine ungeheure Steigerung der sexuellen Not der Frau ist also vom Krieg zu erwarten, eine Vermehrung tief persönlicher Leiden. Man täusche sich nicht: Das Schicksalsringen einer ganzen Welt um Sein oder Nichtsein macht nicht im geringsten die unermessliche Not, die das einzelne Ich zu tragen hat, geringer und unwesentlicher. Dieses Leid 'klein' zu nennen, bloß weil das allgemeine Leid groß ist, ist Literatur, Papier."

Seit Kurzem kann, wer mag, die streitbaren Werke der Grete Meisel-Hess Seite für Seite in der eigenen Wohnung durchblättern - sofern diese über einen Internet-Anschluss verfügt.

Und nicht nur ihre: Sämtliche Dokumente der Österreichischen historischen Frauenbewegung - vorläufig beschränkt auf die Jahre zwischen 1848 (Gründung des ersten demokratischen Wiener Frauenvereins) und 1918 -, die in der Österreichischen Nationalbibliothek archiviert liegen, sollen auf diese Weise digitalisiert werden.

Seit 1998 läuft das Projekt "Frauen in Bewegung", 40 Zeitschriften wurden seither ins Netz gestellt, rund 200 Buchbände, ergänzt um 550 rare Bilddokumente der Protagonistinnen der Bewegung - samt ihren Biografien. Eine reiche Fundgrube.

Der rote Faden...

Das Projekt "Frauen in Bewegung" ist einer der beiden Schwerpunkte von Ariadne. Hinter dem Namen der mythischen Kreterin, die einst durch ihren Wollfaden den (übrigens in der Folge wenig dankbaren) Theseus aus dem tödlichen Labyrinth des kretischen Stiergottes errettet hatte, verbirgt sich heute eine in Fachkreisen hoch geschätzte Forschungseinrichtung der Österreichischen Nationalbibliothek.

Gegründet wurde Ariadne vor 14 Jahren, unter der Generaldirektorin Magda Strebl, von jenen zwei Frauen, die das Projekt bis heute mit erstaunlicher Energie voran treiben: von Christa Bittermann-Wille und Helga Hofmann-Weinberger. Erklärtes Ziel der beiden war von Anfang an die Sichtung und Sichtbarmachung jener Dokumente in den Archiven der Nationalbibliothek, die von Interesse wären für jegliche Form von frauenspezifischer Forschung. In Anbetracht der unermesslichen Schätze der ÖNB auch in dieser Hinsicht galt es allerdings, sich auf konkrete Fragen- und Themenstellungen zu beschränken.

Kernstück ihrer Arbeit war neben und vor "Frauen in Bewegung" von Anfang an eine Datenbank, die, beginnend mit dem Erscheinungsjahr 1990, sämtliche Aufsätze und Artikel zu frauenspezifischen Themen aus den Beständen der ÖNB registriert und verschlagwortet. So findet, wer etwa nach "Judith Butler" sucht, derzeit 147 Aufsätze verzeichnet. Insgesamt 46.000 Texte haben die beiden bis heute aufgenommen, jährlich kommen 4000 bis 5000 Neuerscheinungen hinzu - eine Anstrengung, die weniger an Adriane denn an ihren männlichen Kollegen Sisyphos denken lässt.

Weiters informieren die beiden Forscherinnen auf der Ariadne-Homepage über Veranstaltungen zu frauenspezifischen Fragestellungen weltweit. Sie geben einen regelmäßigen Newsletter mit Neuerwerbungen der ÖNB heraus, organisieren mit angehenden Bibliothekarinnen virtuelle Ausstellungen, wie etwa "Frauen wählet!" über die Geschichte des Frauenwahlrechts in Österreich.

...durch das Archiv

Ein kleiner Wermutstropfen nur begleitet ihre historische Arbeit: Seit Jahren mühen sie sich um Kontakt zum "Bund österreichischer Frauenvereine". Die 1902 gegründete Organisation verfügt über eines der wertvollsten Archive zum Thema. Als Privatverein zu keiner Kooperation verpflichtet, verschließt sie sich jedoch gegen jeden Kontakt nach außen. Eine Zusammenarbeit könnte hingegen die noch bestehenden Lücken in der Dokumentation schließen.

Doch schon heute finden Leserin und Leser bei Ariadne neben reichen Funden jene "Erquickung", die Auguste Fickert, die kämpferische Herausgeberin der Zeitschrift "Neues Frauenleben" 1902 ihren Leserinnen wünscht: "Alle, die mühselig und in harter Arbeit ihr tägliches Brot verdienen, sollen aus diesen Blättern Hoffnung und Erquickung schöpfen bei dem Gedanken an die strebende Frauenwelt, welche nach neuen Daseinsbedingungen sucht ..." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.4. 2006)

Von Cornelia Niedermeier

Link

Ariadne

Super Projekt!

Aber doch schon seit längerem online...

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.