Nachrichten in aller Kürze
Alles zur Community
Nachrichten, die zu Ihnen kommen: Newsletter, Feeds und SMS
Alles zu unseren mobilen Angeboten: Apps, Mobilversion und SMS
Unsere Radio- und TV-Angebote
Die Zeitung im Internet: Abo, E-Paper, Anzeigen und mehr
Alles über die Redaktion von derStandard.at
Alles über Onlinewerbung, Stellenanzeigen und Immobilieninserate

Seit Kurzem sind die Dokumente der österreichischen historischen Frauenbewegung Seite für Seite im Internet nachzulesen. Das ehrgeizige Projekt "Frauen in Bewegung" ist einer der Forschungsschwerpunkte von Ariadne, der frauenspezifischen Dokumentationsstelle der Nationalbibliothek.
Wien - "Krieg und Ehe" titelte Grete Meisel-Hess eines ihrer Werke. Gemeint war nicht der Kampf der Geschlechter. Man schrieb das Jahr 1916. Die Autorin, die in Schriften wie "Die sexuelle Krise" (1907) oder "Das Wesen der Geschlechtlichkeit" (1916) vehement für das sexuelle Glück der Frau stritt, sah ebenjenes existenziell gefährdet - sehr konkret: durch die schweren Verluste des Krieges, die Toten.
Männliche Tote, deren große Zahl ebenso viele allein stehende Frauen zurückließ - sie allein ließ in einer Gesellschaft, deren rigide Sexualmoral ihnen wenig Spielraum einräumte zur Erfüllung ihrer körperlichen Wünsche. Ein Gesichtspunkt der Kriegstragik, der für gewöhnlich zu gering geschätzt wurde, um Beachtung zu finden.
"Eine ungeheure Steigerung der sexuellen Not der Frau ist also vom Krieg zu erwarten, eine Vermehrung tief persönlicher Leiden. Man täusche sich nicht: Das Schicksalsringen einer ganzen Welt um Sein oder Nichtsein macht nicht im geringsten die unermessliche Not, die das einzelne Ich zu tragen hat, geringer und unwesentlicher. Dieses Leid 'klein' zu nennen, bloß weil das allgemeine Leid groß ist, ist Literatur, Papier."
Seit Kurzem kann, wer mag, die streitbaren Werke der Grete Meisel-Hess Seite für Seite in der eigenen Wohnung durchblättern - sofern diese über einen Internet-Anschluss verfügt.
Und nicht nur ihre: Sämtliche Dokumente der Österreichischen historischen Frauenbewegung - vorläufig beschränkt auf die Jahre zwischen 1848 (Gründung des ersten demokratischen Wiener Frauenvereins) und 1918 -, die in der Österreichischen Nationalbibliothek archiviert liegen, sollen auf diese Weise digitalisiert werden.
Seit 1998 läuft das Projekt "Frauen in Bewegung", 40 Zeitschriften wurden seither ins Netz gestellt, rund 200 Buchbände, ergänzt um 550 rare Bilddokumente der Protagonistinnen der Bewegung - samt ihren Biografien. Eine reiche Fundgrube.
Der rote Faden...
Das Projekt "Frauen in Bewegung" ist einer der beiden Schwerpunkte von Ariadne. Hinter dem Namen der mythischen Kreterin, die einst durch ihren Wollfaden den (übrigens in der Folge wenig dankbaren) Theseus aus dem tödlichen Labyrinth des kretischen Stiergottes errettet hatte, verbirgt sich heute eine in Fachkreisen hoch geschätzte Forschungseinrichtung der Österreichischen Nationalbibliothek.
Gegründet wurde Ariadne vor 14 Jahren, unter der Generaldirektorin Magda Strebl, von jenen zwei Frauen, die das Projekt bis heute mit erstaunlicher Energie voran treiben: von Christa Bittermann-Wille und Helga Hofmann-Weinberger. Erklärtes Ziel der beiden war von Anfang an die Sichtung und Sichtbarmachung jener Dokumente in den Archiven der Nationalbibliothek, die von Interesse wären für jegliche Form von frauenspezifischer Forschung. In Anbetracht der unermesslichen Schätze der ÖNB auch in dieser Hinsicht galt es allerdings, sich auf konkrete Fragen- und Themenstellungen zu beschränken.
Kernstück ihrer Arbeit war neben und vor "Frauen in Bewegung" von Anfang an eine Datenbank, die, beginnend mit dem Erscheinungsjahr 1990, sämtliche Aufsätze und Artikel zu frauenspezifischen Themen aus den Beständen der ÖNB registriert und verschlagwortet. So findet, wer etwa nach "Judith Butler" sucht, derzeit 147 Aufsätze verzeichnet. Insgesamt 46.000 Texte haben die beiden bis heute aufgenommen, jährlich kommen 4000 bis 5000 Neuerscheinungen hinzu - eine Anstrengung, die weniger an Adriane denn an ihren männlichen Kollegen Sisyphos denken lässt.
Weiters informieren die beiden Forscherinnen auf der Ariadne-Homepage über Veranstaltungen zu frauenspezifischen Fragestellungen weltweit. Sie geben einen regelmäßigen Newsletter mit Neuerwerbungen der ÖNB heraus, organisieren mit angehenden Bibliothekarinnen virtuelle Ausstellungen, wie etwa "Frauen wählet!" über die Geschichte des Frauenwahlrechts in Österreich.
...durch das Archiv
Ein kleiner Wermutstropfen nur begleitet ihre historische Arbeit: Seit Jahren mühen sie sich um Kontakt zum "Bund österreichischer Frauenvereine". Die 1902 gegründete Organisation verfügt über eines der wertvollsten Archive zum Thema. Als Privatverein zu keiner Kooperation verpflichtet, verschließt sie sich jedoch gegen jeden Kontakt nach außen. Eine Zusammenarbeit könnte hingegen die noch bestehenden Lücken in der Dokumentation schließen.
Doch schon heute finden Leserin und Leser bei Ariadne neben reichen Funden jene "Erquickung", die Auguste Fickert, die kämpferische Herausgeberin der Zeitschrift "Neues Frauenleben" 1902 ihren Leserinnen wünscht: "Alle, die mühselig und in harter Arbeit ihr tägliches Brot verdienen, sollen aus diesen Blättern Hoffnung und Erquickung schöpfen bei dem Gedanken an die strebende Frauenwelt, welche nach neuen Daseinsbedingungen sucht ..." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.4. 2006)
Von Cornelia Niedermeier
Link
Ariadne
Im Zentrum die Fruchtbarkeit und Kannibalismus: Die australische Historikerin Lyndal Roper rollt die Geschichte der Verfolgungen in süddeutschen Gemeinden auf
Die Venus von Willendorf wirft weiterhin Fragen auf - Eine könnte nun nach den Recherchen einer Prähistorikerin gelöst sein
Andrew Dalby verweist auf weibliche Tradition der Geschichten- Überlieferung - und ist damit nicht der Erste
Petra Schönbacher hat sich auf die Spur matriarchalen Urwissens in russischen Märchen begeben - ein Buchtipp
Die Dokumentation des Weltkongresses für Matriarchatsforschung liefert anregende Antworten - Ein Buchtipp
1650 publizierte Maria Kunitz eine Über-Arbeitung der Rudolfinischen Tabellen der Planetarbewegung - Vorgeworfen wurde ihr die Vernachlässigung ihres Haushalts
"Ich bin immer schon eine politische Frau gewesen": Ein Buch würdigt die Widerstandskämpferin Maria Cäsar
Mary Wortley Montagu brachte die Impfung vor beinahe 200 Jahren aus dem Osmanischen Reich nach Europa
55 Frauen, die Geschichte schrieben - Barbara Prammer präsentierte das Porträt-Buch
Mehr Körperlichkeit galt für eine anständige Frau als obszön - Bess Mensendieck setzte dem mit der "Körperkultur des Weibes" 1906 ein Ende
Irma Hildebrandt stellt in ihrem Porträtband dreißig bedeutende Frauen aus fünf Jahrhunderten vor
Was Frauen über Männer denken und auch aussprechen - Unterschiedlichste Zitate berühmter Frauen
Was Männer über Frauen sagten - Zitate berühmter Philosophen, Wissenschafter und Schriftsteller
Der Brauch geht auf einen alten Göttinnenkult zurück - Heute wird die Heilige Hildegard von Stein verehrt
Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.