Der Krampf mit dem Fett

von Redaktion  |  11. Dezember 2006, 16:29

Dicksein als Krankheit heißt Adipositas - Nicht nur das Übergewicht, vor allem auch die Folgeerkrankungen erfordern eine Langzeittherapie

"Ich bin zu dick", ist ein Standardsatz in der westlichen Industriegesellschaft, in der es über die Maßen viel zu essen gibt, aber Schlanksein das Schönheitsideal ist. Weniger essen, hungern, abnehmen, danach wieder zunehmen, möglicherweise sogar mehr als vorher wiegen, eine andere Diät starten - für viele ist dieser Rhythmus eine Endlos-Schleife. Abnehmen gehört fast schon zum guten Ton. Aber genau das macht es wirklich dicken Menschen, also jenen, die von MedizinerInnen als adipös eingestuft sind, besonders schwer. "Wir leiden unter den Blicken all jener Menschen, die uns zu verstehen geben, dass es uns an Willensstärke zum Abnehmen fehlt", bringt Elisabeth Jäger, Leiterin der Adipositas-Selbsthilfegruppen im Rahmen der Initiative "Die dicke Chance" das Problem auf den Punkt.

Adipositas ist seit 2000 von der Weltgesundheitsbehörde (WHO) als chronische Erkrankung eingestuft. Übergewicht ist messbar und zwar mit dem Body Mass Index (BMI), der sich aus Körpergewicht in Kilogramm dividiert durch die Körperlänge in Metern zum Quadrat errechnet. Ein BMI zwischen 20 und 25 ist optimal, von Übergewicht spricht man bei einem BMI von 25 bis 30, alles darüber ist Adipositas, die sich in drei Schweregrade unterteilt. Ein zweiter wichtiger Parameter für das Risiko von Herz-Kreislauf- Erkrankungen ist der Bauchumfang, der bei Frauen nicht über 90, bei Männern nicht über 100 Zentimeter betragen sollte.

In Österreich sind 37 Prozent der Erwachsenen übergewichtig, rund zehn Prozent adipös. Besonders alarmierend: Bereit 15 Prozent aller österreichischen Schulkinder sind übergewichtig.

Neue Epidemie

"Wenn man Übergewicht als neue Epidemie und Volkskrankheit des 21. Jahrhunderts bezeichnet, dann ist das kein Alarmismus, sondern spiegelt tatsächlich eine problematische Entwicklung wieder", konstatiert Michael Kunze, Vorstand des Instituts für Sozialmedizin an der Medizinischen Universität Wien und spricht von einer gesundheitspolitischen Herausforderung. Warum? Es sind vor allem die mit dem Übergewicht einhergehenden Folgeerkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck, gestörter Fettstoffwechsel oder kardiovaskuläre Erkrankungen, mit denen MedizinerInnen zu kämpfen haben.

Die Therapie: "Adipositas-Patienten dabei zu unterstützen, einen neuen Lebensstil zu entwickeln", sagt Irene Ohnutek, Ärztin in der Adipositas-Ambulanz des Kaiserin-Elisabeth-Spitals in Wien. Statt Crash-Diät, also langfristig geplante Gewichtsreduktion, Ernährungsberatung und psychologische Begleitung.

"Unter ärztlicher Aufsicht können phasenweise auch Medikamente die Essensreduktion unterstützen", sagt Monika Lechleitner von der österreichischen Adipositas-Gesellschaft. Derzeit gibt es zwei Abnehmhilfen: einerseits den Fettaufnahmehemmer Xenical mit "erzieherischer Wirkung" - wer zu viel Fett isst, bekommt Durchfall - andererseits Reductil, ein ursprünglich als Antidepressivum entwickeltes Medikament, das als Appetitzügler eingesetzt wird, auf das PatientInnen aber oft mit Mundtrockenheit oder Schlafstörungen reagieren. "Gerade deshalb sind ärztliche Kontrollen wichtig, nicht jeder verträgt alles", sagt Lechleitner.

Ab Herbst kommt ein drittes Medikament zum Abnehmen dazu. Accomplia, so sein Name, hemmt nicht nur den Appetit durch Blockieren der für den Heißhunger verantwortlichen Endocannabinoid-Rezeptoren, sondern greift zudem Fettzellen direkt an und geht damit gezielt gegen gefährliches Bauchfett zwischen den Darmschlingen vor. Accomplia wiederum, hört man, kann depressiv machen. "Das sind bösartige Gerüchte der Konkurrenz", sagt Bettina Zadera vom Accomplia-Hersteller Sanofi-Aventis.

Das Problem aller drei Präparate: Sie werden von den Krankenkassen nicht bezahlt. Viele Adipositas-Kranke kommen aus einkommensschwachen Bevölkerungsschichten und können sich Medikamente zwischen 50 und 130 Euro die Packung und Monat ohnehin nicht leisten.

Für sehr fortgeschritten Adipositas-Kranke ab einem BMI von 40 ist schließlich die Operation der allerletzte Ausweg. Dabei wird der Magen mit einem Magenband oder Magen-Bypass verkleinert, das Hungergefühl damit reduziert. Langfristig sollten Fettleibige auf diese Weise neue Essverhalten erlernen.

Gegen Kilos kämpfen

Und jetzt die gute Nachricht: Jedes Kilo weniger zählt. "Schon bei einer Gewichtsreduktion von fünf bis zehn Prozent des Ausgangsgewichts ist beispielsweise eine 37-prozentige Verringerung des Krebsrisikos oder eine 44-prozentige Reduktion des Diabetesrisikos zu verzeichnen", berichtet Endokrinologe Bernhard Ludvik von der Medizinischen Universität Wien, wo derzeit auch Magenschrittmacher in klinischen Studien getestet und zudem die Mechanismen von Fettgewebshormonen für zukünftige Therapien genauer erforscht werden. Denn dick ist nicht gleich dick. Adipositas in ihren verschiedenen Schweregraden und die vielfältigen Begleiterkrankungen sind für die Medizin und das Gesundheitssystem generell eine komplexe Herausforderung: Die Gesamtausgaben für Adipositas-Therapie belaufen sich laut Schätzungen auf 1,15 Milliarden Euro pro Jahr.

"In der Betreuung von Adipositas-Kranken steht das Essproblem im Vordergrund. Gestörtes Essverhalten hängt oft mit Traumatisierung oder Vernachlässigung zusammen", erklärt Gabriele Haselberger, Psychologin bei "so what", einem Institut für Essstörungen in Wien. Allerdings: Nicht immer ist eine Essstörung an der Adipositas schuld, auch genetische Veranlagung beziehungsweise eine Kombination aus einer ganzen Reihe von Faktoren können für krankhaftes Übergewicht verantwortlich sein. Adipositas-Ärztin Ohnutek: "Abnehmen beginnt immer im Kopf." Trotz Leidensdruck ist es nicht leicht, weiß Betroffene Jäger: "Niemand lässt sich gerne im Kaffeehaus auslachen, wenn er zwischen den Armlehnen eines Sessels stecken bleibt." (Karin Pollack, DER STANDARD, Print, 10.7.2006)

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