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Selma ist zurückgekehrt in die bürgerliche Wohnung des verwitweten Vaters, Lange Gasse, zurückgeworfen in eine neue Pubertät ohne Kindheit. Sie ist Expertin für zeitgenössisches Theater, gerade entlassen als Chefdramaturgin von den Wiener Festspielen, verlassen von ihrem langjährigen Lebensgefährten Anton, der sich mit einer jungen Ungarin doch noch das Familienidyll mit Vaterglück erfüllt. In einem Akt von Selbsttäuschung bricht Selma vom Ort ihrer Niederlagen auf, um in London ihr berufliches Weiterkommen zu organisieren. Dass es nicht nur ums Fortkommen, sondern ums Überleben geht, wird sie noch erfahren müssen.
Selma fliegt ohne Auftrag nach London, um mit einem englischen Partner über die Koproduktion einer zweisprachigen Inszenierung von Sarah Kane am Royal Court Theatre zu verhandeln. Sie ist vom Theater Sarah Kanes fasziniert, deren Dramen wohl nicht zufällig Parallelen zum Werk von Streeruwitz aufweisen, etwa in der sprachlichen Verknappung und den Entwürfen von Innenwelten ("Der Albtraum der Gesellschaft in einer Person geträumt"). Doch beim exquisiten Abendessen im italienischen Restaurant stellt sich heraus, dass auch Jonathan Gilchrist keine Rolle mehr spielt und das Theater kein Stück von Kane mehr auf den Spielplan setzt. "Niemand sei heute mehr sicher", meint er, das wüssten sie in England schon länger. Und jetzt weiß es auch Selma.
Seit ihrem Debütroman Verführungen (1996) bewegen sich die Heldinnen von Marlene Streeruwitz mehr oder weniger schnell durch die Romanwelten, meist aber im Kreis oder scheinen auf der Stelle zu treten, auch wenn sie rennen. Sie machen nur kleine Fortschritte in der Wahrnehmung des eigenen Körpers, denn - wie Streeruwitz in einem ihrer Essays formuliert - der Sündenfall der Kultur bestehe darin, "dass die Entmündigung eingeübt wird, bevor eine Ermächtigung hätte gelernt werden können".
Auf der Suche nach Identität in einer medial inszenierten Scheinwelt drohen viele Fallstricke, das müssen alle Protagonistinnen in den Büchern von Marlene Streeruwitz erfahren. Denn ihre Frauenfiguren sind keine Kämpferinnen, sie haben zwar die alten Weiblichkeitsmuster - Kinder, Küche, Kirche - hinter sich gelassen, aber noch keine Sprache für ihre Bedürfnisse gefunden. Selma Brechthold "hatte ihre Bürgerlichkeit in die brauchbaren Fragmente zerlegt und in ein fließendes Leben gefügt gehabt". Sie hat sich angepasst und perfekt funktioniert im neoliberalen Kulturbetrieb, in dem Kunst zur Ergänzung verkommen ist, als "Komplettierung eines Lebensstils" dient. In einer Gesellschaft, in der sich die Dreißigjährigen mit prekären Arbeitsverhältnissen begnügen müssen, während die Fünfzigjährigen bereits wieder aus dem Arbeitsprozess ausgeschieden werden. Mitgefühl und Solidarität haben als Werte abgedankt. Selma Brechthold wird als alt abqualifiziert und auf sich selbst verwiesen. Sie weiß, dass sich ihre Geschichte nur ironisch erzählen lässt. Doch das Wissen hat sie nicht geschützt vor der eigenen Erfahrung. "Als Vernichtete und ohne Kompass. Erst jetzt waren ihr die Zweifel klar. Draußen und zu spät."
Schonungslos verweist das ästhetische Programm von Marlene Streeruwitz mit unvollständigen Sätzen und Bildverweigerung auf ihr politisches Konzept: Beschreibung der Schmerzen, Ängste und Beschädigungen des gegenwärtigen Lebens. Sie verzichtet auf psychologische Schicksalsbeschreibungen, nicht aber auf minutiöse Alltagsbeobachtungen und unterläuft damit die Trennung und Hierarchisierung existenzieller und banaler Lebensbereiche. Statt Gefühle zu umschreiben, hält sie sich nüchtern an Sinneswahrnehmungen und Körperempfindungen. Zugegeben, die Lektüre der einunddreißig Abschnitte, auf denen wir die Protagonistin zwei Tage lang auf 475 Seiten bei ihrem Selbstversuch begleiten, von der Fahrt zum Flughafen, Abflug, Flug, Landung, Fahrt zum Hotel, bis zu den Verabredungen und nächtlichen Erlebnissen, ist manchmal mühsam. Denn erzähltechnisch raffiniert verzichtet Marlene Streeruwitz auf ihre Deutungsmacht und lässt in der Innenperspektive von Selma nicht nur viele Verben weg, sondern auch andere Leerstellen offen.
In der Fremde muss sich Selma Brechthold zurechtfinden und manches Abenteuer auf ihren Irrfahrten durch London bestehen. Sie bezieht alles, was sie erlebt, auf sich und muss die Globalisierung ganz konkret als Angriff auf ihr Subjekt erfahren, als sie am 7. Juli 2005 auf einer U-Bahn-Fahrt in das Terrorattentat gerät, das sie - nur leicht verletzt - überlebt. Erst nach dieser kollektiven Zerstörung findet sie Worte für ihre eigenen Verletzungen und gewinnt einen Blick für die Schmerzen der Mitmenschen. Marlene Streeruwitz erweist sich auch in ihrem jüngsten Roman als Schriftstellerin, die für die präzise Wahrnehmung der eigenen Erfahrung plädiert. Entfernung ist in einer globalisierten Welt nicht mehr möglich. Was bleibt: radikale Selbstbefragung. Als Aufgabe der Kunst und mögliche Voraussetzung eines geglückten Lebens. (Christa Gürtler/ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 29./30.7.2006)
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