Blasenentzündungen zählen zu einem der häufigsten Frauenleiden - Sie beeinträchtigen die Lebensqualität und können nachhaltig Schaden anrichten
Vor allem Frauen kennen das Gefühl, das meist aus heiterem Himmel über einen hereinbricht: gesteigerter Harndrang, mit jedem Mal heftiger werdende Schmerzen und sehr bald die Sicherheit, dass es eine Blasenentzündung ist. Viele haben das mehrere Male pro Jahr, die Erkrankung beeinträchtigt die Lebensqualität beträchtlich und kann im schlimmsten Fall zum "schmerzhaften Blasensyndrom" bis hin zur Schrumpfblase führen.
Langer Leidensweg
Durch die besondere Anatomie der Harnröhre bezüglich Lage und Länge sind Frauen besonders anfällig für bakterielle Harnwegsinfektionen. Oft beginnt ein jahrelanger Leidensweg mit einer so genannten unkomplizierten Zystitis (Harnblasenentzündung), die in den meisten Fällen durch das Bakterium Escherichia Coli ausgelöst wird und nicht optimal behandelt wurde. Die Folge: Immer wiederkehrende, so genannte rezidivierende Harnwegsinfekte, die dann ohne Vorwarnung mit heftigen Symptomen auftreten. Betroffene empfinden die Erkrankung als wahre Folter, die einen normalen Tagesablauf unmöglich macht und sogar in Arbeitsunfähigkeit resultieren kann.
Rasche Behandlung wichtig
Daher gilt: Bereits bei den ersten Anzeichen eines Blasenkatarrhs unbedingt eine ÄrztIn aufsuchen, der/die anhand von Harnstreifentests und Harnkultur eine eindeutige Diagnose stellen und ein geeignetes Antibiotikum verschreiben kann. "Vor allem Kinder und Männer, bei denen eine Infektion schnell ernste Ausmaße annehmen kann, gehören sofort in medizinische Behandlung", betont Primar Claus Riedl, Urologe im Thermenklinikum Baden.
Defekte Schleimhaut
Der auf Harnwegsinfekte spezialisierte Facharzt leitet derzeit eine internationale Studie über das so genannte "painful bladder syndrome" (schmerzhaftes Blasensyndrom), das durch chronische Schmerzen und gesteigerten Harndrang bei geringster Füllung der Harnblase gekennzeichnet ist und Betroffene bis zu 70-mal am Tag auf die Toilette drängt. Das Syndrom wird auch als Interstitielle Zystitis oder "therapierefraktäre Reizblase" bezeichnet, wenn ein therapieresistentes Krankheitsstadium erreicht wird, in dem Antibiotika und blasenberuhigende Medikamente versagen.
Mögliche Ursachen gibt es viele
Außer ständig wiederkehrenden Harnwegsinfekten zählen auch falsche Ernährung und übermäßiger Kaffeekonsum, häufige Kälteexposition, Stress und sexuell übertragbare Krankheiten zur Palette der möglichen Ursachen. Lange Zeit war der Entstehungsmechanismus des "painful bladder syndrome" unklar. Heute weiß man, dass aufgrund einer chronischen Schädigung der Schleimschicht auf der Blasenoberfläche Urin in die tieferen Gewebsschichten der Blasenwand eindringen kann und dort zu lokalen Reizungen der Nervenfasern führt. "Das erklärt, wieso schon geringe Urinmengen bei den Betroffenen einen starken Harndrang hervorrufen", erläutert Riedl. "Reflektorisch entsteht dann ein Spasmus der Schließ- und Beckenbodenmuskulatur mit beträchtlichen Unterleibsschmerzen, die nicht auf krampflösende Mittel ansprechen." Frauen mit diffusen Bauchschmerzen sollten also nicht nur auf Endometriose, sondern auch auf Reizdarmsyndrom untersucht werden.
Schwierige Diagnose
Problematisch ist, dass das Leiden nur selten exakt diagnostiziert wird. "Vor allem im Frühstadium versagen gängige Diagnoseverfahren wie Blasenspiegelung oder Biopsien", erläutert Riedl. Um eine Funktionsstörung der Blasenschleimhaut nachzuweisen, wendet er den modifizierten Kaliumtest an, bei dem mit Kochsalz- und Kalium-Lösung die maximale Füllkapazität der Harnblase gemessen wird. Unterscheiden sich die beiden Messwerte, kann davon ausgegangen werden, dass die physiologische Barriere zwischen Harn und Blasenwand defekt ist.
Therapie
Für Prognose und Therapie ist die Erkenntnis von großer Bedeutung , so Riedl: "Diese Störung zeigt ein frühes Krankheitsstadium, das sehr gut auf eine Therapie mit schleimhautschützenden Substanzen wie Hyaluronsäure anspricht." Hyaluronsäure, eine körpereigene Substanz, hat den Vorteil, dass eine einmalige Instillation (tropfenweise Injektion über Katheter) pro Woche ausreicht, um den gewünschten Schutzeffekt und Heilungsraten von bis zu 85 Prozent zu erzielen.
Nach langjährigem Bestehen des "painful bladder syndrome sind die Therapiemöglichkeiten allerdings einschränkt. Riedl: "In diesem Fall ist der Einsatz von effizienten Schmerzmitteln wie Opioiden angezeigt." Bisweilen bleibt nur noch die Entfernung der geschrumpften Harnblase als letzte Möglichkeit, um die Patientinnen von den Schmerzen zu befreien.
Sanfte Prophylaxe
So weit muss es nicht kommen. Um Harnwegsinfekten vorzubeugen, empfehlen ExpertInnen einfache hygienische Maßnahmen, eine ausreichende tägliche Flüssigkeitszufuhr, Scheidenzäpfchen zur Erhaltung der Vaginalflora und alte Hausmittel. Der Saft von Preiselbeeren beziehungsweise Cranberries (Moosbeeren) reduziert die Anfälligkeit für bakterielle Harnwegsinfekte, da die enthaltenen Anthocyane das Anhaften der Bakterien an der Blasenschleimhaut verhindern. Als weitere Propyhlaxe eignen sich Akupunktur, chinesische Spezialkräuter, Homöopathie sowie orale Immunstimulation mit rezeptpflichtigen Bakterienextrakten (z. B. Urovaxom®). (DER STANDARD, Printausgabe, Andrea Fallent, 7.8.2006)