Die Psychotherapeutin Marion Breiter über die Problematik der Wechseljahre
Dr.in Marion Breiter, Psychotherapeutin und Pädagogin, ist Gründerin und langjährige Mitarbeiterin der ersten Wiener Frauenberatungsstelle. Derzeit Projektmanagerin im Verein "Netzwerk österreichischer Frauen- und Mädchenberatungsstellen", Universitätslektorin für Frauenforschung und Psychotherapeutin in freier Praxis. Kontaktaufnahme über Email
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dieStandard.at: Das Thema Wechseljahre kursiert als "Schreckgespenst" seit Jahrzehnten in den Medien. Ist das nicht Pathologisierung eines natürlichen Zustandes?
Marion Breiter: Das ist ein vielschichtiges Phänomen und dient mehrfachen Interessen. Vor allem die Pharmaindustrie verdient sehr gut an der Pathologisierung der Wechseljahre. Durch Pathologisierung wird eine Lebensphase abgewertet, in der Frauen oft sehr genau bewusst wird, dass sie in unserer Gesellschaft benachteiligt wurden und werden. Zorn und Verbitterung können dann als "Wechseljahrsbeschwerden" abgetan werden. Tatsächlich zeigen Studien, dass etwa zwei Drittel aller Frauen keine körperlichen Wechsel-Beschwerden haben, die sie ernsthaft beeinträchtigen. In den letzten Jahren wurde auch in der Frauenbewegung das Thema stark aufgegriffen und auf die Chancen dieser Lebensphase im Sinne eines Neubeginns hingewiesen.
dieStandard.at: Das Ende der Gebärfähigkeit als Beginn einer neuen Lebensphase, die eine Art von Freiheit / Befreiung bringen kann? Trotzdem erleben viele Frauen den Übergang als dramatisch. Liegt das in erster Linie am gesellschaftlichen Frauenbild, das ältere Frauen als unattraktiv und unwichtig einstuft?
Marion Breiter: Ja, ich denke, hier liegt das Problem. Sie verlieren an Attraktivität, da derzeit immer noch weibliche Schönheit und Jugend verknüpft sind. Und sie haben häufiger als Männer finanzielle Probleme, da sie weniger verdienen und oft erkennen müssen, dass sie auch eine niedrige Alters-Pension haben werden. Die wichtigsten Gründe dafür sind: Diskriminierung im Beruf, schlechte Bewertung und Bezahlung von typischen Frauenarbeiten, die Hauptverantwortung für Kinder, Haushalt, Angehörige - und dadurch weniger Zeit und Energie für bezahlte Berufsarbeit, die "gläserne Decke" – Frauen um die 50 haben im Gegensatz zu Männern wesentlich seltener Führungspositionen erreichen können, Abschied vom engen Zusammenleben mit Kindern oder aber das Gegenteil: die Kinder wollen das "Hotel Mama" nicht verlassen, mitunter auch Abschied vom Ehemann - Scheidungen sind in dieser Phase für Frauen besonders schwierig, da sie in punkto Lebensstandard häufig völlig vom Mann abhängig sind. Diese Erkenntnis ist bitter und belastend. Frauen um die 50 pflegen sehr häufig Angehörige – Sparmaßnahmen im Sozial- und Gesundheitsbereich und "Pflegenotstand" gehen meist zu ihren Lasten.
dieStandard.at: Welche Erfahrungen machen Sie in Ihrer Praxis als Psychotherapeutin? Worüber klagen die Frauen am meisten? Sind ihre Probleme vorwiegend psychischer Natur und / oder wie weit spielt die psychosomatische Symptomatik eine Rolle?
Marion Breiter: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Frauen in den Wechseljahren - also etwa zwischen 45 und 55 - zunächst wegen körperlicher Probleme und depressiver Stimmungen eine Frauenberatungsstelle oder eine private Psychotherapeutin aufsuchen. Nach kurzer Zeit stellt sich aber meistens heraus, dass die körperlichen Symptome nicht das Hauptproblem sind, sondern dass sie nur das "Etikett" für eine Vielzahl von psycho-sozialen Problemen bilden oder von diesen ausgelöst wurden. Denn Altern und Wechseljahre ist in unserer Kultur für Frauen meist mit keinen besonderen Vorteilen verbunden - wie etwa Anerkennung von Lebens-Weisheit, Aufstieg in der Familien-Hierarchie, gesellschaftlicher Machtzuwachs etc., stattdessen erfahren viele Frauen Nachteile.
dieStandard.at: Jenseits des europäisch-amerikanischen Kulturkreises sollen Wechseljahr-Beschwerden angeblich so gut wie nicht auftreten. Glauben Sie, dass die größere Wertschätzung älterer und alter Frauen in diesen anderen Kulturen dafür spricht, wogegen in unseren Breiten "altes Eisen" nichts mehr zu melden hat?
Marion Breiter: Ja, Erfahrung und Lebensweisheit von alten Frauen wird hierzulande wenig wertgeschätzt, die Nachteile des Alterns dagegen in den Vordergrund gestellt.
Allerdings beginnt sich dieses Bild auch langsam zu wandeln. Je älter die Frauen der "68er-Generation" werden, desto mehr Literatur erscheint auch zu den positiven Aspekten des Älter-Werdens, wie z.B. "Endlich 50", "Feuerzeichenfrau" u.ä. Diese Bücher thematisieren auch befreiende Aspekte - wie etwa die Befreiung von Schönheitsnomen, die Möglichkeit, endlich ungewöhnliche Dinge zu tun ohne Rücksicht auf Bewertung durch andere, neue sexuelle Erfüllung wegen des Wegfallens von Verhütungsproblemen etc.
dieStandard.at: Beobachten Sie eine Häufung der Problematik in einem bestimmten Lebensumfeld?
Marion Breiter: Ich konnte im Lauf der Jahre beobachten, dass die Phase der Wechseljahre besonders schwierig ist für Frauen, die relativ isoliert bzw. in einer belastenden Partnerschaft leben, wenig soziale Kontakte und keine befriedigende Berufsarbeit haben.
dieStandard.at: Frauen, die ins Klimakterium kommen, sind mit einer Fülle von widersprüchlichen Informationen konfrontiert. Einerseits wird die Hormonersatz-Therapie als Wunderheilmittel angepriesen und mit der Verunsicherung der Frauen und ihrer Angst gespielt: Wenn sie die Hormone nicht einnehmen, würden sie schnell buckelig und verschrumpelt werden und hätten unter den extremsten Beschwerden zu leiden. Andererseits tauchen immer wieder Meldungen auf, welche die künstliche Therapie verteufeln. Woran können sich Frauen orientieren?
Marion Breiter: Ich denke, da geht es einfach ums Geld, es verdienen sehr viele sehr gut an Hormontherapien. Für einige Frauen, die tatsächlich massive körperliche Beschwerden haben, ist die Hormonersatztherapie sicher eine große Hilfe, die jedoch aufgrund der möglichen erheblichen Nebenwirkungen nicht unproblematisch ist. Für die meisten Frauen ist jedoch etwas mehr Bewegung und eine etwas gesündere Ernährung viel günstiger - sanfte Sportarten wie Walking, Schwimmen, Wandern, Tanzen etc. oder fernöstliches Körpertraining wie Yoga, Tai Chi, Qi Gong u.ä. sind insgesamt wesentlich gesündere Maßnahmen zur Unterstützung des eigenen Körpers in dieser Umbruchsphase. Die sozialen Kontakte, die durch diese Aktivitäten entstehen, können ebenfalls zur Verbesserung des Lebensgefühls und damit auch zu körperlicher Gesundheit beitragen. Letztlich muss aber jede Frau selbst entscheiden, wie sie durch ihre Wechseljahre gehen will, auch wenn sie oft von SchulmedizinerInnen zu Hormonersatztherapien gedrängt werden. Mir haben schon viele Klientinnen erzählt, dass sie einige Monate lang auf dringliches Anraten ihres Gynäkologen eine Hormonersatztherapie begonnen haben, aber nach ein bis zwei Jahren damit wieder aufhörten, weil es ihnen unheimlich wurde und sie realisiert haben, dass sie diese Tabletten nun für den Rest ihres Lebens nehmen müssten, um den Wechseljahren und ihren Beschwerden tatsächlich zu entkommen. Es gibt auch Frauen, die sich nicht trauen, dem Gynäkologen zu widersprechen und ihm erzählen, dass sie die Tabletten nehmen und damit zufrieden sind - obwohl sie damit wieder aufgehört haben.
dieStandard.at: Die Hormonersatztherapie ist aufgrund von Studien schon vor Jahren in Verruf geraten, mehr Schaden als Nutzen zu bringen. Die gesundheitsschädigenden Nebenwirkungen würden von erhöhten Krebsraten über Herzinfarkte, Schlaganfälle, Thrombosen, Embolien bis zum Tod reichen. Kann unter diesen Umständen den Frauen dazu geraten werden?
Marion Breiter: Ich persönlich würde empfehlen, vorher andere Möglichkeiten - wie Bewegung und gesündere Ernährung, eventuell auch Psychotherapie oder Gespräche in einer Frauengruppe - auszuprobieren. Meiner Ansicht nach ist die Hormonersatztherapie zu umstritten, um sie gegen relativ leichte Beschwerden wie etwa Hitze-Wallungen einzusetzen oder als Präventionsmaßnahme.
dieStandard.at: Kürzlich wurden in den USA 70 Studien über alternative, also pflanzliche Therapien gegen Wechseljahrsbeschwerden ausgewertet, mit dem Ergebnis, die positive Wirkung beruhe lediglich auf einem Placebo-Effekt. Was halten Sie davon?
Marion Breiter: Was ist negativ an einem Placebo-Effekt? Das zeigt doch, dass der Glaube an ein Mittel dazu führt, dass man sich besser fühlt, noch dazu ohne Nebenwirkungen - dass also psychische Faktoren eine wichtige Rolle spielen.
dieStandard.at: Was können Sie Frauen in den Übergangsjahren sonst noch empfehlen / raten?
Marion Breiter: Frauen sollten sich genau informieren, was tatsächlich in den Wechseljahren physiologisch passiert. Auch Gespräche mit anderen Frauen, die sich in der Wechselphase befinden oder diese schon hinter sich haben, sind sehr nützlich. Oft bieten Frauenberatungsstellen Vorträge und Gruppen zu diesem Thema an oder Bewegungsprogramme für Osteoporoseprävention. Für Adressen von österreichischen Frauenberatungsstellen siehe: Netzwerk Frauenberatung.
Das Gespräch führte Dagmar Buchta.
Marion Breiter ist auch Verfasserin der Broschüre "Glückliche Knochen durch bewusste Bewegung – Osteoporose-Präventionsprogramm für Frauen ab 40". Diese Broschüre ist zum Selbstkostenpreis von 9 Euro erhältlich bei: Netzwerk Frauenberatung bzw. Tel. 01-595 37 60.