Frauen steigen aus guten Jobs aus und bleiben zu Hause - eine Reportage zum Trend in den USA
Donnerstagabend, ein edler Büroraum in Midtown Manhattan. Lizz Kressel versteht die Welt nicht mehr. Die 32-jährige Firmengründerin sucht seit Wochen nach einer Marketingexpertin, die ihr bei der Entwicklung neuer TV-Formate helfen kann. Alle Studienfreundinnen haben den gut bezahlten Job abgelehnt. Sie sind auch so bestens versorgt.
"Die meisten haben nach dem Studium nur ein paar Jahre gearbeitet", empört sich Lizz. "So hart es auch klingt, aber: Viele studieren nur deshalb Betriebswirtschaft, weil sie dadurch Typen treffen, die viel Kohle verdienen."
Lizz' Tirade über "Luxushühner" richtet sich auch gegen ihre Besucherin am Nebentisch: Amy war einst "Klassenprima" an der Columbia University. Doch gleich nach dem Studium hörte die Blondine ihre biologische Uhr ticken.
"Wir sind einfach nur realistisch", sagt sie lachend und zeigt auf ihr paillettenbesticktes T-Shirt: "Mrs." steht da drauf, denn jeder soll sehen, dass sie frisch verheiratet ist. Amy kennt nur eine Frau aus ihrer Klasse, die noch einen Ganztagsjob hat.
Das Ganze ist ihrer Ansicht nach eine Reaktion auf die Mütter. Die hätten ihren Töchtern immer nur "arbeiten, arbeiten" eingetrichtert. "Wir sagen dagegen - wenn wir etwas machen, dann richtig: Erst haben wir 110 Prozent geschuftet, jetzt kümmern wir uns 110 Prozent um unsere Kinder."
Die TV-Charaktere bei "Desperate Housewifes" verzweifeln an ihrem Hausfrauendasein. Nicht nur Amy und ihre wohlbetuchten Freundinnen sehnen sich aber danach. Aktuellen Umfragen zufolge wollen 60 Prozent aller US-Studentinnen ihren Job an den Nagel hängen, wenn sie einmal Kinder haben.
Die Zahl der arbeitenden Mütter sinkt auch stetig seit 2001. Die Absolventinnen der Elite-Unis Harvard und Yale steigen auch ohne Nachwuchs immer frühzeitiger aus dem Berufsleben aus: Inzwischen tut das bereits jede zweite noch vor dem 40. Lebensjahr. Manche befürchten, dass mit dem zunehmenden Rückzug in die Privatsphäre auch die gesellschaftliche Emanzipation der Frauen ins Stocken gerät.
Szenenwechsel. Ein paar Straßen weiter südlich von Lizz' Büro, mitten im Greenwich Village, liegt die "Magnolia"-Bäckerei. Das Lokal ist Pilgerstätte für jeden eingefleischten "Sex & the City"-Fan, weil Sarah Jessica Parker alias Carrie Bradshaw sich hier in fast jeder TV-Episode mit ihren Freundinnen traf.
Maureen Dowd sitzt ein wenig abseits und blättert durch herumliegende Frauenzeitschriften: Das tief dekolletierte Pop-Sternchen Jessica Sympson ist gleich auf zwei Titelseiten. Und jedes Magazin bietet mindestens "267 Tipps, um heiß auszusehen". "Klarer Fall", seufzt die attraktive Mitvierzigerin, "die dritte Welle ist komplett falsch verstanden worden."
Diese Strömung in der Frauenbewegung, die Mitte der 90er in den USA entstand, steht unter anderem für eine neue Bewertung der Ästhetik und besagt, dass auch gleichberechtigte Frauen sexy aussehen dürfen. Dowd erzählt, dass sie es immer gehasst habe, wenn ihre "Birkenstock-und Rollkragenpulli-Schwestern" in den 60ern auf sie runterschauten, nur weil sie gerne schöne Kleider trug, sich gerne schminkte und hohe Absätze mochte.
Jetzt aber ist sie so weit, dass sie nicht nur die Feministinnen von damals vermisst, sondern auch die Zeiten von Audrey Hepburn oder Ava Gardner, wo jede Körperform schön sein konnte. Den Frauen von heute, so Dowd, gehe es nur noch um Äußerlichkeiten, und sie legten null Wert auf eigene Persönlichkeit: "Sie möchten alle große Augen, kleine Nasen, Sanduhr-Figuren haben, und sie sind so besessen von ihrer nächsten Botox-Spritze, dass sie alles andere ausblenden. Etwa, dass George Bush Richter ernennt, die das Abtreibungsrecht abschaffen wollen." Maureen Dowd ist nicht irgendeine engagierte Frauenrechtlerin, sondern eine Pulitzer-Preis-gekrönte Politbuchautorin.
Sie hat mehrere Präsidentschaftswahlkämpfe für die "New York Times" gecovert. Ihr neuer Bestseller "Are Men Necessary?" (Putnam Adult, 2005, ISBN 0399153322, 352 Seiten) nimmt das Rollenverständnis der modernen Amerikanerinnen unter die Lupe.
Die Idee dazu kam der Autorin, als wieder eine ihrer Kurzzeitbeziehungen in die Brüche ging. Als Singlefrau wider Willen weiß sie: Die Hälfte der 35-jährigen US-Karrierefrauen sind Singles, und laut der University of Michigan sinken die Heiratschancen mit jedem steigenden Punkt im Intelligenzquotienten um 2,5 Prozent.
"Die Jahre, in denen die Männer nach gemeinsamen Interessen suchten, sind passé. Jetzt heiraten sie Frauen, die zu ihnen aufschauen." Die erschütterndste Schlussfolgerung, die Dowd aus ihren Beobachtungen zieht: Noch vor einigen Jahren wären die Amerikanerinnen auf die Barrikaden gegangen, um sich für die Geschlechtergleichheit stark zu machen. Jetzt prangern sie just diejenigen an, die das versuchen.
Dowd berichtet, dass sie viele verletzende Briefe als Antwort auf ihr Buch bekommen habe. "Immer musste ich mir anhören: Wie kannst du dir anmaßen, über Männer zu philosophieren, wenn selber du keinen hast?"
Auch auf Washington ist Dowd nicht gut zu sprechen. Sie verweist darauf, dass es im Weißen Haus fünfmal mehr weibliche als männliche Singles gibt, und sagt: "Selbst starke Frauen wie Condoleezza Rice begnügen sich damit, Kindermädchen für den Präsidenten zu spielen: Sie kümmern sich um alles, was George Bush braucht, und verschreiben ihm ihr Leben, während er eine Politik macht, die sehr frauenfeindlich ist."
Zwei Stunden nach Eintreffen der Freundin Amy, vor dem Bürofenster flackern die Lichter der Wolkenkratzer auf. Lizz blickt gleichgültig auf den mindestens ebenso imposanten Papierstapel vor ihr auf dem Schreibtisch. Den wird sie heute nicht mehr abarbeiten, denn es geht nun um die wachsende Gehaltskluft zwischen den Geschlechtern: Nach einer vorübergehenden Verringerung in den 90ern verdienten die US-Frauen 2003 wieder ein Viertel weniger als die Männer.
Lizz moniert, dass die Kluft vielleicht deshalb zunehme, weil es immer weniger Frauen gebe, die eine langfristige Karriere anstreben.
Amy rollt mit den Augen. Sie hält sich lieber an die angenehmen Seiten des Trends. Die Dating-Szene zum Beispiel habe sich bereits angepasst: Viele New Yorkerinnen hielten sich jetzt wieder an Großmutters Grundsatz, dass der Begleiter die Rechnungen zu begleichen hat.
"Okay, beim ersten Treffen bietest du zwar an zu zahlen, aber wenn der Kerl das akzeptiert, gehst du nie mehr mit ihm weg", rät sie.
Amy hat ihren Ehemann sechs Monate lang gedatet, und er hat ihr während der ganzen Zeit selbst Geld fürs Taxi zugesteckt: "Er verdient gut, also hab ich mir gesagt: Warum nicht?"
Wenn sich die amerikanischen Frauen ändern, darf das Männerbild natürlich nicht nachstehen. Die Trendsetter der New Yorker JWT-Agentur - die dereinst das Konzept der Metrosexualität promotet haben - behaupten jetzt: Gefragt ist der Übermann! Seine Kennzeichen: Allgemeinbildung und politisches Engagement statt Haargel und Faltencreme.
(Beatrice Uerlings aus New York, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2./3.9.2006)