Wie kann eine so junge Frau so viel über Gewalt, Einsamkeit, Flucht und Verlust wissen? Terézia Moras Kurzgeschichten thematisieren Grenzen
Terézia Mora, geboren 1971, für mich die Begabteste der deutschsprachigen jungen Dichterinnen, ist eine ungarische Drehbuchautorin und Schriftstellerin, die seit 1990 in Berlin lebt. Seltsame Materie hielt mich von der ersten bis zur letzten Seite gefangen. Alle sprachlich exzellenten Kurzgeschichten thematisieren Grenze und somit Flucht und politische Verhältnisse. Ihnen haftet etwas Wunderbares an, ein Zauber, der einer des öfteren ganz einfach im Halse stecken bleibt. Wie kann eine so junge Frau – Mora schrieb diese Geschichten mit 25 Jahren – so viel über Gewalt, Einsamkeit, Flucht und Verlust wissen?
Die Autorin verfügt über die seltene Kunst, mit wenigen Worten eine Welt zu erschaffen, in der frau beständig Bildern, Figuren und Gefühlen begegnet, die einer bekannt vorkommen. Trauer durchzieht die Geschichten, die stets offen genug bleiben, um mit Eigenem gefüllt zu werden. Nie gewinnt absolute Hoffnungslosigkeit die Oberhand. Wie treffend, dass Mora den Ingeborg-Bachmann Preis erhalten hat! Wie in den frühen Erzählungen Bachmanns finden sich auch in Seltsame Materie vielfach Sätze, die mit wenigen Worten ein ganzes Universum erfinden. Dieses Buch ist ein poetischer Schatz.
Ihr erster Roman "Alle Tage", erschienen 2004, erfüllte meine Erwartungen und ist ein grausames und immer wieder witziges Spiegelbild unserer westlichen Gesellschaft. Mora öffnet die Tür zu einer merkwürdigen, eiskalten Welt. Frau sollte vorbereitet sein auf eine verstörende Leseerfahrung. Gleich zu Beginn wird der Protagonist Abel Nema mehr tot als lebendig an einem Klettergerüst aufgefunden. An den Füßen mit Klebeband befestigt und in seinem schwarzen Mantel kopfüber nach unten hängend, erinnert er an eine riesige Fledermaus. Wer hat ihn in eine solche Lage gebracht? Mora erzählt mit immenser Sprachgewalt und bestätigt, dass sie wirklich eine große deutschsprachige Schriftstellerin – aus Ungarn – ist.
Werke von Zsuzsa Bank
Zsuzsa Bank, geboren 1965, Tochter ungarischer MigrantInnen, Buchhändlerin, Publizistin, Politikwissenschafterin und Literaturwissenschaftlerin, erhielt mehrere Literaturpreise, u.a. den Deutschen Bücherpreis, und lebt in Frankfurt am Main. In ihrem Roman "Der Schwimmer" beschreibt sie Flucht, Einsamkeit, verlorene Kinderwelten, Melancholien für Fortgeschrittene, eine Flucht in die "Heimat" und eine Flucht in die "Fremde" – dies alles in einer poetischen, klaren Sprache, die innen und außen gleichermaßen erleben lässt. Mit ihrem Erzählband "Heißester Sommer" stieg Bánk in die einzigartigen Gefilde meiner LieblingsschriftstellerInnen auf: Erzählungen vom Feinsten, mit berauschender Intensität und mit einem Zauber, der eine wie mich im Herzen trifft. Glück ist etwas Wunderbares, wenn es da ist, und Bánk kann es so beschreiben, dass es fast ein wenig schmerzt. Unglück und Enttäuschung deckt sie mit zartester Poesie zu. Die minuziösen Schilderungen winzigster Details lassen ihre Geschichten zu meinen eigenen, manchmal banalen Gegebenheiten werden. Keine neuen Themen, nichts Aufregendes, viel Erinnertes, einfach wunderschöne Literatur.
"Ziegenrouge" von Agáta Gordon
Grenzen, Flucht und zerrissene Beziehungen in einem anderen Kontext beschreibt Agáta Gordon, geboren 1963. Sie studierte ungarische Sprache und Literatur sowie Geschichte, lebt derzeit als freie Autorin in Budapest und hat soeben in Ungarn für ihre neueren Werke – sie erscheinen hoffentlich bald auf Deutsch – mehrere Literaturpreise erhalten. Mit ihrem Roman "Ziegenrouge", erschienen 1997 in Budapest und 1999 in Wien, schrieb Gordon das längst vergriffene Kultbuch der ungarischen Lesben. Leona zieht mit ihrer Geliebten aufs Land, nahe einem ungarischen Provinzdorf. Nach jahrelangem Versteckspiel in der Enge der Familien und des Internats soll hier endlich der Traum vom unbeschwerten gemeinsamen Leben verwirklicht werden.
Aber Neugierde und Argwohn der DorfbewohnerInnen werfen ihre ersten Schatten – da lernen die beiden Frauen endlich ein weiteres Lesbenpaar im Dorf kennen. Zunächst scheint sich die Situation zu entspannen. Die vier werden bald unzertrennlich und teilen jede freie Minute miteinander. Dann verliebt sich Leonas Geliebte jedoch in die Freundin der anderen, das Beziehungsgeflecht zerreißt, Leona bleibt schließlich in tiefer Melancholie zurück. Und an dieser Stelle beginnt die Geschichte. (Ruth Devime)