Andrew Dalby verweist auf weibliche Tradition der Geschichten- Überlieferung - und ist damit nicht der Erste
New York/Wien - Der antike griechische Dichter Homer,
Schöpfer von Ilias und Odyssee, war nach Meinung eines britischen
Gelehrten eine Frau. Andrew Dalby, Historiker und Linguist, behauptet
in seinem Buch "Rediscovering Homer", die Dichterin habe als Frau für
Frauen geschrieben, berichtet die italienische Zeitung "
Corriere
della sera" in ihrer Internetausgabe.
Tradition der Geschichten-Überlieferung
Dalby ist nicht der Erste, der diese These vertritt. Schon im
Viktorianischen Zeitalter hatte der Brite Samuel Butler gemeint,
Homer müsse eine Frau gewesen sein, weil sie sich so stark in die
weiblichen Figuren hineinversetzen konnte.
Dalby dagegen kommt - weitaus fundierter - aufgrund vergleichender
und anthropologischer Analysen zu seiner Erkenntnis. Er weist darauf
hin, dass es Frauen waren, die Lieder, Geschichten und Volkssagen
über Generationen weitergegeben haben. Er stützt sich dabei auf die
klassischen amerikanischen Gelehrten der 30-er Jahre, Milman Parry
und Albert Long.
Adelige Ehefrau
Die Autorin von Ilias und Odysee war nach Meinung Dalbys
möglicherweise die Ehefrau eines griechischen Adligen, der im
siebenten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung lebte und die sich, da
genügend SklavInnen da waren, nicht um den Haushalt kümmern musste.
Indizien dafür seien die Figuren der Helena und der Andromache in der
Ilias und der Penelope in der Odyssee.
Angebliche Innensicht
Nur eine Frau, so der britische Gelehrte, habe diese Gestalten "auf
diese eminent weibliche Weise" beschreiben können. In beiden
Homer-Werken würden die sexuellen Beziehungen in einer Welt
beschrieben, wo Frauen mehr oder weniger als "Konsumgüter" betrachtet
worden seien, zugleich aber eine erotische und häusliche Macht
besessen und dabei gleichzeitig den Eindruck völliger Unterwerfung
unter den Mann vermittelt hätten. (APA)