"Nicht kompatibel mit der Demokratie"

von Redaktion  |  14. Februar 2007, 18:35
  • Artikelbild: Necla Kelek: "Die Tradition wird mit der Religion legitimiert." - Foto: Der Standard/Matthias Cremer
    Necla Kelek: "Die Tradition wird mit der Religion legitimiert."

Die deutsch-türkische Islamkritikerin Necla Kelek über den patriarchalischen Islam Solmaz Khorsand im Interview

DER STANDARD: Ist der Islam ein Hort für patriarchalische Strukturen?
Kelek: Die gesamte Religion ist patriarchalisch strukturiert. Der Koran ist auch in erster Linie an Männer gewendet. Die Männer müssen dafür sorgen, dass ihre Gesellschaft so funktioniert, wie Gott es von ihnen will.

DER STANDARD: Das Argument, dass Zwangsverheiratungen, Ehrenmorde und die Diskriminierung von Frauen traditionell bedingt sind und nicht religiös, lassen Sie nicht gelten?
Kelek: Diese Meinung teile ich nicht, weil Religionen Traditionen bilden, bestätigen und ihnen auch abschwören können. Ich trenne das nicht voneinander. Wenn der Islam sagen würde, in unserem Glauben gibt es keine Beschneidung der Frau, dann müssten Muslime doch dafür sorgen, dass es nicht passiert, aber es passiert trotzdem. Sie legitimieren mit ihrer Religion diese Praxis.

DER STANDARD: Dabei fand doch erst im Dezember eine Konferenz von Imamen in Kairo statt, bei der die Teilnehmer die weibliche Genitalverstümmelung verurteilt haben.
Kelek: Ja, aber diese Initiative ging von einem deutschen Bäckermeister aus. Das hat mir persönlich sehr weh getan, dass eine Milliarde Muslime nicht in der Lage ist zu sagen: "Das hat nichts mit meiner Religion zu tun." Es musste ein Europäer sein, der das sagt. Dennoch ist es der richtige Weg, dass von außen aufgeklärte Menschen sagen müssen, dass diese Praxis nichts mit ihrer Religion zu tun hat.

DER STANDARD: Heißt das, dass innerhalb der muslimische Gemeinschaft dieser aufgeklärte Ansatz nicht möglich ist? Sprechen Sie Muslimen damit nicht die Fähigkeit zur Selbstreflexion ab?
Kelek: Nein, aber zufällig ist es so, dass die meisten Menschen in muslimischen Ländern in ihren Traditionen leben und diese mit Religion legitimieren. Ich sehe hier nicht, dass dies zu einer säkularen und individualisierten Gesellschaft führt.

DER STANDARD: Sie schreiben, dass in Deutschland traditionalistische Verhaltensweisen eher zunehmen.
Kelek: Ich beobachte, dass in Deutschland traditionell islamische Familien mit ihrer Tradition der Verheiratung den Integrationsprozess bewusst verhindern. Sie wollen, dass ihre Kinder nach islamischen Gesetzen groß werden. Das verbietet, dass Jungen und Mädchen gemeinsam aufwachsen, sich kennen lernen und sich sexuell näher kommen. Das können Sie in der Schul-und Alltagspraxis in allen europäischen Ländern überall sehen.

DER STANDARD: Nicht alle Kopftuchträgerinnen sind unterdrückte geschlagene Frauen. Was hat es mit den jungen modernen Musliminnen auf sich, die selbstbewusst das Kopftuch tragen und studieren?
Kelek: Mich interessieren die Motive dieser selbstbewussten Frauen. Ich sehe, dass der Islam hier als Modeerscheinung herhält, um sich von der Gesellschaft abzugrenzen. Sie missionieren, sie grenzen sich ab, sie sagen: Wir sind reine Frauen, glauben an Gott, und wir heiraten nur einen beschnittenen Muslim. Sie schminken sich noch dabei und halten aber die anderen Regeln ein. Wenn sie so aktiv sind, dann hat das einen politischen Charakter, um den Europäern zu zeigen: Wir sind anders.

DER STANDARD: Verhindert der Islam per se die Integration?
Kelek: Dann, wenn Muslime den Koran und die Hadithe (Sprüche des Propheten Mohammed, Anm.) als Grundlage nehmen und als unveränderbare Gottesworte akzeptieren. Gott hat keine Religion gemacht und zum Menschen geschickt, Religionen werden von Menschen gemacht und praktiziert. Solange der Islam eine kollektivistisch ausgerichtete Religion ist, ist er nicht kompatibel mit der Demokratie.
(DER STANDARD, Printausgabe 15.02.2007)

Zur Person:
Necla Kelek (50) kam im Alter von neun Jahren aus Istanbul mit ihrer Familie nach Deutschland.
Die Soziologin löste mit ihrem Buch über türkische Importbräute "Die fremde Braut" eine Diskussion über die Situation muslimischer Frauen in Deutschland aus.
Ihr neues Buch erschien unter dem Titel:"Die verlorenen Söhne. Ein Plädoyer für die Befreiung des türkisch-muslimischen Mannes"
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12 Postings
nemo sander
04.03.2007 01:26
also islam abschaffen, darüber bücher schreiben

und damit geld verdienen und wenn der zug abgefahren ist, etwas neues suchen

Timagoras 
08.03.2007 20:44
"also islam abschaffen"

wieso?
es würde doch schon genügen, den ihn (so wie andere religionen) kritisieren zu dürfen.
aber wenn jemand sowas tut, gibt's ja interessanterweise (und traurigerweise) gleich morddrohungen ... :o(

lebertran2 
18.02.2007 16:48
fast keine einzige religion

zumindest keine eingottreligion ist mit demokratie kompatibel. in jeder religion wird ja der staat und die mitmenschen an 2. stelle gereiht.

in österreich funktionierte es ja nur weil die zahl der WIRKLCIH gläubigen christen so gering wurde.

jene die halt 5 mal im jahr in die kirche dackeln und hie und da was spenden sind wiederum egal welche religion sie haben keine gefahr.

fibiundchillie
19.02.2007 12:49

Wo ist die christl. Religon unvereinbar mit der hiesigen Demokratie? "Gib dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist".

Promille Prolet
22.03.2007 18:09
das haengt davon ab...

da gaebe es schon noch sehr viele dinge die inkompatibel sind.

sklavenhaltung, todesstrafe, frauenrechte, formen des zusammenlebens, schwulenrechte...

fibiundchillie
22.03.2007 20:17

also sklavenhandel u schwulenrechte in einem satz, na sie sind mir einer:)) im Ernst: der thread geht eig. um -o wunder-islam und "unser" demokr. System. Insofern das Zitat. was sie anführen, mag a) stimmen (sklavenhandel??), b) hindert sie hier keine kirchen anders als durch reden dran, zu tun, wie sie lustig sind. wir können uns rel. frei entscheiden, was die isl. mitmenschen oft nicht können.

Elisabeth Lehner 
16.02.2007 12:36
Mutige Frau

Ich kann die Bücher von Necla Kelek wärmstens empfehlen!

Kosmos 100001
14.02.2007 19:15
„Wir sind anders“ im Sinne von „wir leben anders“ ist insofern

richtig, weil solche Frauen religiös sind, religiös auf eine Art, die mit europäischem Mainstream nicht viel gemeinsam hat, das hat aber nichts mit einer politischen Botschaft oder einer zielgerichteten Abgrenzung zu tun. Diese emanzipierten muslimischen Frauen, die zweifellos in ihrem Selbstverständnis religiös sind, nach diesen Kriterien leben wollen, sind keine unterdrückten dummen Hascherln. Die machen eine Ausbildung, sie gehen arbeiten, sie suchen ihren Mann selber aus, sie leben ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen, das ist genau das, was einerseits diese Frauen selbst und die Europäer immer gefordert haben. Das Necla Kelek daraus gleich einen Jihad macht, ist irgendwie amüsant und andererseits beängstigend und traurig.

Großmutter
22.02.2007 15:33
Es ist ein Schwachpunkt der heutigen Spielarten der Frauenbewegung, dass persönliche Betroffenheiten und Verbitterung zu oft von Proponentinnen zum Maßstab für andere erhoben werden.

Frau K. will sich halt einerseits persönlichen Frust von der Seele schreiben und andererseits ihre Bücher unter möglichst plakativen Betitelungen verkaufen. Das ist legitim in der freien Marktwirtschaft, und die Leserinnen werden die Intentionen in ihrem Opus wohl bemerken. Hoffentlich.

Black Widdow
15.02.2007 09:13
Ich glaube, sie vermischen Religion mit sozialer Schichtung

Frauen aus der Oberschicht konnten es sich schon immer besser richten und hatten mehr Rechte als die anderen. Das ist unabhängig von Religion.

Kosmos 100001
15.02.2007 12:53

„Oberschicht“, damit meinen Sie die wirtschaftliche Situation. Davon hängt das überhaupt nicht ab, denn auch diese Frauen, die eine Hochschulausbildung machen sind Kinder von Gastarbeitern. Außerdem, auch Frauen die z.B. bei Mc Donalds arbeiten haben sich in diese Richtung entwickelt. Sie finden alle Arten von Einstellungen in jeder wirtschaftlichen „Schicht“ oder in jedem sozialen Umfeld, das hängt von den einzelnen Menschen ab. In Österreich wird statistisch jede 3. bis 4. Frau geschlagen, unterdrückt, hat einen Pascha zuhause, in jeder wirtschaftlichen Schicht, so verhält es sich auch mit der muslimischen Gesellschaft. Übeltäter haben sie genauso wie wir, auch sie müssen dagegen ankämpfen, so wie wir –und zwar in jeder wirtsch. Schicht.

Promille Prolet
22.03.2007 18:14
das glaube ich nicht ganz

ich glaube, die beispiele die sie nennen (die es sicher gibt) haben es mit ihren familien besser getroffen, weil sie vergleichsweise toleranter sind. statistische bandbreite halt.

davon auszugehen und dann zu sagen, es ist eh alles bestens, waere falsch. von so einem zufall sollten die menschen (frauen) naemlich nicht abhaengig sein. sie sollen vielmehr alle rechte haben und garantiert ausueben koennen, egal was ihre vaeter und brueder zufaellig fuer eine einstellung haben.

es gibt viele arabische filme zu dem thema, z.b. ein bruder aus einer sehr gemaessigten familie beginnt unter dem einfluss eines lehrers etc. religioes zu werden und setzt dann seine schwester unter druck usw.

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