
DER STANDARD: Das Argument, dass Zwangsverheiratungen, Ehrenmorde und die Diskriminierung von Frauen traditionell bedingt sind und nicht religiös, lassen Sie nicht gelten?
Kelek: Diese Meinung teile ich nicht, weil Religionen Traditionen bilden, bestätigen und ihnen auch abschwören können. Ich trenne das nicht voneinander. Wenn der Islam sagen würde, in unserem Glauben gibt es keine Beschneidung der Frau, dann müssten Muslime doch dafür sorgen, dass es nicht passiert, aber es passiert trotzdem. Sie legitimieren mit ihrer Religion diese Praxis.
DER STANDARD: Dabei fand doch erst im Dezember eine Konferenz von Imamen in Kairo statt, bei der die Teilnehmer die weibliche Genitalverstümmelung verurteilt haben.
Kelek: Ja, aber diese Initiative ging von einem deutschen Bäckermeister aus. Das hat mir persönlich sehr weh getan, dass eine Milliarde Muslime nicht in der Lage ist zu sagen: "Das hat nichts mit meiner Religion zu tun." Es musste ein Europäer sein, der das sagt. Dennoch ist es der richtige Weg, dass von außen aufgeklärte Menschen sagen müssen, dass diese Praxis nichts mit ihrer Religion zu tun hat.
DER STANDARD: Heißt das, dass innerhalb der muslimische Gemeinschaft dieser aufgeklärte Ansatz nicht möglich ist? Sprechen Sie Muslimen damit nicht die Fähigkeit zur Selbstreflexion ab?
Kelek: Nein, aber zufällig ist es so, dass die meisten Menschen in muslimischen Ländern in ihren Traditionen leben und diese mit Religion legitimieren. Ich sehe hier nicht, dass dies zu einer säkularen und individualisierten Gesellschaft führt.
DER STANDARD: Sie schreiben, dass in Deutschland traditionalistische Verhaltensweisen eher zunehmen.
Kelek: Ich beobachte, dass in Deutschland traditionell islamische Familien mit ihrer Tradition der Verheiratung den Integrationsprozess bewusst verhindern. Sie wollen, dass ihre Kinder nach islamischen Gesetzen groß werden. Das verbietet, dass Jungen und Mädchen gemeinsam aufwachsen, sich kennen lernen und sich sexuell näher kommen. Das können Sie in der Schul-und Alltagspraxis in allen europäischen Ländern überall sehen.
DER STANDARD: Nicht alle Kopftuchträgerinnen sind unterdrückte geschlagene Frauen. Was hat es mit den jungen modernen Musliminnen auf sich, die selbstbewusst das Kopftuch tragen und studieren?
Kelek: Mich interessieren die Motive dieser selbstbewussten Frauen. Ich sehe, dass der Islam hier als Modeerscheinung herhält, um sich von der Gesellschaft abzugrenzen. Sie missionieren, sie grenzen sich ab, sie sagen: Wir sind reine Frauen, glauben an Gott, und wir heiraten nur einen beschnittenen Muslim. Sie schminken sich noch dabei und halten aber die anderen Regeln ein. Wenn sie so aktiv sind, dann hat das einen politischen Charakter, um den Europäern zu zeigen: Wir sind anders.
DER STANDARD: Verhindert der Islam per se die Integration?
Kelek: Dann, wenn Muslime den Koran und die Hadithe (Sprüche des Propheten Mohammed, Anm.) als Grundlage nehmen und als unveränderbare Gottesworte akzeptieren. Gott hat keine Religion gemacht und zum Menschen geschickt, Religionen werden von Menschen gemacht und praktiziert. Solange der Islam eine kollektivistisch ausgerichtete Religion ist, ist er nicht kompatibel mit der Demokratie.
(DER STANDARD, Printausgabe 15.02.2007)
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