Eva als ewige Mutti: Das größte Problem für Frauen ist, dass Kinder zur Frauensache gemacht werden, meint Sibylle Hamann
"Was ist das größte Problem für Frauen?", heißt es ständig.
Die Antwort lautet: "Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie." Allein die Diagnose nervt, weil sie Kinder zur Frauensache macht. Von
Sibylle Hamann*
Jeder kennt die Geschichte. Sie ist tausende Male passiert. Adam und Eva, beide berufstätig, gehen eine Beziehung ein. Sie räumen abwechselnd den Geschirrspüler aus, zahlen im Restaurant abwechselnd die Rechnung, fühlen sich als gleichberechtigte Menschen. Weil alles so schön und harmonisch ist, ist ein Kind unterwegs. Und dann schlägt die Geschichte zu.
Die beiden haben sich nämlich am Küchentisch zusammengesetzt und überlegt, wie sie das mit dem Kind auf die Reihe kriegen. Adam verdient mehr als Eva (er hat nämlich Informatik studiert, sie Kunstgeschichte). Da ist es nur logisch, dass sie eine Zeit lang daheim bleibt und er das Geld heranschafft. Das sei natürlich nur ein vorübergehendes Arrangement, versichern sie einander. Sobald das Baby krabbeln kann, werde man sich etwas anderes überlegen. Dann wechsle man ab. Dann komme er dran. Dann stelle man einfach wieder auf Gleichberechtigung um. Zu den drögen Mutti-Vati-Eltern gehören wir nämlich nicht, sagen Adam und Eva, nie und nimmer. Küchenschürze und Pantoffeln kommen uns nicht ins Haus.
Dann ist das Baby also da. Die schicke Eva-Mama, den iPod im Ohr, schiebt den Buggaboo über den Naschmarkt und schlägt im Drogeriemarkt die Zeit tot. Abends kommt der schicke Adam-Papa aus der Arbeit, es ist wieder einmal ein bisserl später geworden. Die Verantwortung lastet jetzt schwer auf seinen Schultern, er muss ja neuerdings eine Familie ernähren. Doch, selbstverständlich schaukelt auch er das Baby, wenn er Zeit hat, man ist ja im Prinzip gleichberechtigt. Doch wären die beiden ehrlich, sie müssten zugeben: Aus der Nähe betrachtet, ist das ganze Arrangement dem drögen Mutti-Vati-Modell nicht sehr unähnlich, den iPod vielleicht ausgenommen.
Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt. Das Baby will Brei. Weder Adam noch Eva tragen ein Gen in sich, das sie zum Brei-Anrühren prädestiniert. Aber sie hat, in all den Monaten daheim, schon ein bisserl Routine mit dem Pulverzeug aus dem Drogeriemarkt. Er zögert kurz – vielleicht macht er den Brei zu heiß oder zu bröselig, dann weint das Baby, und er ist schuld? Sie rührt also den Brei. Sie rührt dreimal den Brei. Und wenn er es beim vierten Mal zaghaft versuchen will, schubst sie ihn beiseite, denn jetzt kann sie es besser, garantiert. Eva weiß inzwischen eben genauer, wie das Baby tickt. Sie versteht, was es meint, wenn es sich am Ohr zupft. Sie muss zugeben, dass sich Adam, wenn er dem Baby den Pullover über den Kopf zieht, ein bisserl ungeschickt anstellt. Sie fragt sich, ob man die beiden wirklich den ganzen Tag allein lassen kann. Ob sie nicht doch noch ein paar Monate länger daheim bleiben sollte, zumindest bis das Kleine gehen kann?
Und dann ist es wieder einmal passiert. Während das Baby sich zum Kleinkind ausgewachsen hat, ist Eva Mutti geworden. Sie ist zuständig und wird irgendwie zuständig bleiben, weil sie all die tausend Dinge einfach routinierter, selbstverständlicher auf die Reihe kriegt: Sie hat den Überblick, wann die Feuchttücher ausgehen, sie weiß, welche Salbe für welchen Popozustand die beste ist, welche Sorte Früchtebrei am wenigsten gezuckert ist, und sie wird die Termine mit den Tagesmüttern in ihrem Kalender notieren.
Adam ist gleichzeitig Vati geworden. Er hört sich alles nach Feierabend interessiert an und kommentiert. Aber so wirklich, richtig geht es ihn eigentlich nichts an. Er hat anderes zu tun. Obwohl: Eigentlich hat Eva ebenfalls anderes zu tun. Selbstverständlich arbeitet sie inzwischen wieder, eine dröge Hausfrau wollte sie ja nie sein. Doch sie ist anders berufstätig als er. Sie erledigt einen Auftrag zwischendurch am Küchentisch und macht ihre Telefonate mittags, wenn das Baby schläft. Sie arbeitet, wenn das Kind gesund und fröhlich ist; wenn es hingegen Durchfall hat, verschiebt sie ihre Termine; wenn der Babysitter ausfällt, ebenso. Sie hat ein schlechtes Gewissen, wenn sie aus dem Haus geht, obwohl es gerade Zahnweh hat. Er hat kein schlechtes Gewissen, denn das würde am Zahnweh nichts ändern. So geht die Geschichte, jeden Tag in Österreich.
"Was ist das größte Problem für Frauen?", heißt es tausendfach in Zeitungsartikeln, Diskussionsveranstaltungen und Expertenstudien. Die Antwort lautet, tausendfach: "Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie." Einerseits ist diese Diagnose natürlich richtig. Gleichzeitig nervt sie.
Sie nervt, weil sie, wieder einmal, Kinder zur Frauensache macht. Sie zurrt die Verantwortung für deren Wachsen, Wohlergehen und Gedeihen an den Müttern fest, und zwar ausschließlich an ihnen.
Eva darf arbeiten gehen - wenn sie das locker mit dem Popowischen "vereinbaren" kann >>>