Afghanische Menschenrechts- Kommission hat erschreckende Fälle von Selbstverbrennung dokumentiert
Kabul - Eine der Frauen verbrannte sich selbst, nachdem
ihr Schwiegervater versucht hatte, sie zu vergewaltigen. Eine andere
zündete sich an, weil ihre Brüder ihr nicht erlaubten zu heiraten.
Eine dritte berichtete vor ihrem Flammentod, ihr Ehemann habe sie
täglich geschlagen. Fälle wie diese, die die Afghanische
Menschenrechtskommission (AIHRC) gesammelt hat, dokumentieren
Erschreckendes: Für einige afghanische Frauen ist das Leben so
schwer, dass sie einen schrecklichen und schmerzhaften Tod dem Leben
vorziehen.
"Richtig großes Problem in Afghanistan"
Die AIHRC sprach mit rund 800 Afghanen, deren Schwestern, Töchter
und Schwiegertöchter sich durch Selbstverbrennung das Leben genommen
haben. Sie nahmen sich das Leben, um häuslicher Gewalt, Zwangsheirat
oder frauenfeindlichen Sitten zu entfliehen. "Das (Selbstverbrennung)
ist ein richtig großes Problem in Afghanistan", sagt Nabila Wafik,
die sich für die Hilfsorganisation Medica Mondiale mit dem Thema
beschäftigt hat. Ihre Organisation hat Frauen interviewt, die einen
Suizidversuch überlebt haben. Viele seien der Meinung,
Selbstverbrennung sei ein sicherer Weg sich umzubringen als
beispielsweise die Einnahme von Medikamenten. "Sie glauben, sie
würden so ganz sicher sterben", sagt Wafik.
90 Opfer
Einige der verzweifelten Frauen ahmen mit ihrer Selbstverbrennung
offenbar nach, was sie im Fernsehen gesehen haben. Diese Beiträge
verschweigen jedoch häufig, dass die Überlebenden schwer entstellt
sind. Berichte aus Herat im Westen des Landes zeigen, dass sich dort
im vergangenen Jahr etwa 90 Frauen selbst in Brand gesetzt haben.
Mehr als 70 Prozent von ihnen starben - für die schweren
Brandverletzungen der Überlebenden kann das mangelhafte
Gesundheitssystem Afghanistans nur wenig tun.
Für den AIHRC-Bericht wurden Daten aus fünf afghanischen Provinzen
gesammelt. Verlässliche landesweite Statistiken gibt es nicht.
Dokumentationen verschiedener Menschenrechtsorganisationen legen
jedoch die Vermutung nahe, dass Selbstverbrennung ein landesweites
Problem ist, das sich immer weiter ausbreitet. Während vor zwei
Jahren in der Provinz Farah 15 Fälle von Selbstverbrennung pro Jahr
gemeldet wurden, waren es in den vergangenen sechs Monaten bereits
36. In Kandahar wurden vor zwei Jahren 74 Fälle pro Jahr registriert,
allein in den vergangenen sechs Monaten waren es dagegen schon 77.
Verbesserte
Datensammlung
Die enorm gestiegene Zahl sei möglicherweise auch auf verbesserte
Datensammlung zurückzuführen, sagt Hussein Hasrat, der an der
Erstellung des AIHRC-Berichtes beteiligt war. Andererseits vertuschen
Familien aus Scham die Selbstverbrennung weiblicher Angehöriger.
Zudem werden viele Fälle wegen des lückenhaften afghanischen
Gesundheits- und Behördensystems nie offiziell verzeichnet.
"Diese Zahlen sind schockierend und sie sind bezeichnend für das
viel weit reichendere Problem der Gewalt gegen Frauen", sagt Caroline
Hames vom Entwicklungsfonds der Vereinten Nationen für Frauen
(Unifem). Und sie fügt hinzu: "Suizide sind nur eine Konsequenz
dieser Gewalt, die für so viele Frauen in Afghanistan tägliche
Realität ist."
Keine strafrechtliche Verfolgung
Unter den Taliban durften Frauen in Afghanistan keine Schule
besuchen und nicht arbeiten. Doch obwohl es seit ihrem Sturz im Jahr
2001 Fortschritte in Bezug auf die Rechte der Frauen gibt, schätzt
Unifem, dass mindestens jede Dritte schon einmal geschlagen, zum
Geschlechtsverkehr gezwungen oder anderweitig misshandelt wurde. Die
Täter stammen gewöhnlich aus dem Kreis der Familie oder sind den
Opfern zumindest bekannt. Strafrechtlich verfolgt wird kaum einer. (APA/AP)