"Sex ist alles Ware"

von Redaktion  |  29. März 2007, 07:00
  • Artikelbild: Im "Pornokino" geht es darum, künstlich und konstruiert eine gewisse Erwartungshaltung herbei zu rufen ohne diese Erwartungen zu erfüllen, meint Vanja Fuchs-Grgurevic. - Foto: Vanja Grgurevic
    Im "Pornokino" geht es darum, künstlich und konstruiert eine gewisse Erwartungshaltung herbei zu rufen ohne diese Erwartungen zu erfüllen, meint Vanja Fuchs-Grgurevic.

Im Theaterstück "Pornokino" setzen sich variierende PerformerInnen in Text- und Körperaktionen mit dem Thema "Pornografie" auseinander - Interview

Hat unsere übersexualisierte Konsum-Gesellschaft die Sexualität, die sie verdient? Im Theaterstück "Pornokino" setzen sich variierende PerformerInnen in Text- und Körperaktionen mit dem Thema "Pornografie" auseinander. Jeden Abend anders.
Ein Interview mit der Dramaturgin Vanja Fuchs-Grgurevic.


dieStandard.at: Wie sieht euer inhaltlicher Ansatz zum Thema "Porno" aus?
Vanja Fuchs-Grgurevic: "Pornokino" hat sehr viel mit den Medien zu tun. Im Mittelstück ist eine Talkshow, die wir völlig ad absurdum führen. Wir laden Gäste ein, die der Albtraum jedes Moderators sind. Denn für mich ist das, was in Publikumsshows passiert, wesentlich pervertierter und pornografischer als was offiziell unter dem Titel "Porno" läuft. Das betrifft auch dieses sich zur Schau zu stellen. Die Leute sind bereit jeden Blödsinn mitzumachen, um einmal im Fernsehen zu sein. Ich finde es entmenschlichend und entwürdigend, wie mit Gästen und Themen umgegangen wird.

dieStandard.at: Wie ging es dir mit dem Thema?
Fuchs-Grgurevic: Ich hatte ein bisschen Bedenken. Mich interessieren vor allem die ästhetischen Aspekte, weil es schon - abgesehen von der Kritik an Pornografie und wir wissen alle was da schief läuft - interessante Aspekte in der Darstellung der Körper, in der ästhetischen Norm gibt. Im Stück arbeiten wir nicht mit den magersüchtigen, jugendlichen Models der aufpolierten Hochglanzästhetik, sondern mit z.B. übergewichtigen, älteren Menschen oder tätowierten, gepiercten Körpern. In einem anderen Projekt arbeiteten wir mit kleinwüchsigen Menschen. Das rief Proteste hervor. Die eigentliche Provokation liegt darin, dass die Leute nicht mehr gewohnt sind, irgendwo in der Öffentlichkeit diese nicht verschönerten Körper zu sehen. Wir stellen sie sicher anders aus als diverse Talkshows, wo sie wie Zirkustiere und Attraktionen vorgeführt werden. Wir präsentieren sie als unsere HeldInnen des Alltags, z.B. hatten wir eine nicht professionelle Domina als Gast, die hauptberuflich Hühnerzüchterin im Burgenland ist. Oder Gerhard Eichberger, der ein echter Volksdichter ist und auch bei Drahdiwaberl dabei. Jede Vorstellung ist anders.

dieStandard.at: Regisseur Peter Fuchs sagte, dass den ZuschauerInnen zum Teil das Leiden ins Gesicht geschrieben steht...
Fuchs-Grgurevic: Das "space" ist als Theaterraum extrem klein. Es ist alles sehr nah am Publikum und sehr intim. Trotzdem ist das Publikum durch die Masken, die es trägt, anonym und wird zum Voyeur gemacht. Es wirkt alles viel stärker. Besonders der letzte Teil mit der Körperperformance und der Sprachmaschine tut den Leuten weh. Wir hatten in der ersten Spielserie an einem Abend eine Performance zum Thema "Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Exotismus". Die Körperperformance war ein Live-Bondage-Act mit Klebebändern, bei dem das Publikum die Enden der Bänder in der Hand hielt und parallel dazu haben wir aus Polizeiprotokollen zum Fall Omofuma vorgelesen. Es kam kein Applaus. Die Menschen sind einfach sitzen geblieben und waren verstört. Es beginnt immer mit der Leichtigkeit der Pornozwerge, die Talkshow ist meistens auch eher lustig und der letzte Teil ist sehr hart. Die Texte sind nicht wirklich illustrierend und die Zusammenwirkung aus Körper- und Textaktion muss man erst mal verdauen.

dieStandard.at: Peter sagte, es gibt berührende Punkte, aber die zerstört ihr dann gleich wieder. Was ist da die Absicht dahinter?
Fuchs-Grgurevic: Es geht darum, künstlich und konstruiert eine gewisse Erwartungshaltung herbei zu rufen ohne diese Erwartungen zu erfüllen. Wir orientieren uns an der Dramaturgie echter Pornos. Unser "Item Girl", die Krankenschwester, die Lackschwester, beginnt sich auszuziehen und wird gestört. Später kommt sie zurück und hält feministische Brandreden gegen die Pornografie. Es ist ein ständiger Wechsel.

dieStandard.at: Mit Foucault gesprochen, herrscht ja in unserer Gesellschaft die Übersexualisierung vor. Die Leute sollen im Sex glücklich sein, weil sie es in der Arbeit, in der Wohnung, in der Gesellschaft nicht sind…
Fuchs-Grgurevic: Sexualität ist zu einem Mittel für den Verkauf von Ware geworden. In unserem Stück deklarieren wir alles als Sex und versteigern viel. Eine Hühnerfeder wird zum Fetisch. Wir verbinden Sex immer mit Konsum. Wir versuchen Werbung und Konsumwelt, die übersexualisiert sind, in Ästhetik und Sprache einzubinden. Es ist alles Ware. Wir verwenden immer wieder Textsplitter aus wissenschaftlichen oder pseudowissenschaftlichen Abhandlungen – wie z.B. einen Text von Norbert Elias über den Gebrauch der Gabel. Die Gabel ist die Inkarnation der Distanziertheit, meint Elias. Nur Kannibalen essen mit den Fingern. Es wäre ein peinliches Gefühl, sich die Finger schmutzig zu machen. Je weiter sich die Menschheit entwickelt hätte, desto mehr Tischsitten wurden konstruiert. Das schafft diese künstliche Distanz. In der Performance steckt sich ein Performer Gabeln in den Hintern, die vorher auch dem Publikum angeboten wurden. Wir hinterfragen biologistische Thesen, indem wir denen radikale Bilder entgegen stellen. Das ganze Format steht immer wieder auf der Kippe in dieser offenen Form mit den improvisierten, aktionistischen Elementen. Sicher passieren auf der Bühne Sachen, die wir nicht 100prozentig steuern können - das wollen wir auch nicht.

dieStandard.at: Mich erinnert "Pornokino" an Produktionen der "Neuen Slowenischen Kunst", im Aktionismus und der Einbeziehung des Publikums, diesem radikalen Hardcore-Theater...
Fuchs-Grgurevic: Als ich noch in Slowenien lebte, interessierte ich mich mehr für klassische Oper als für Laibach. Ich arbeite sicher nicht bewusst mit NSK-Ästhetik. Es mag aber sein, dass ich einen anderen Blick habe, denn ich wurde nicht so stark katholisch von Schuld und Sühne beeinflusst. Die Toleranzschwelle war im ehemaligen Jugoslawien eine andere. Was die Sexualität, Nacktheit oder Körpertheater betrifft, gab es andere Paradigmen als in Österreich. Der Umgang mit Sprache war anders. Wenn ich jetzt die Zeitschrift "Mladina" lese, die Kommentare und Karikaturen anschaue – da gäbe es in Österreich sicher schon eine Klage. Es gab schon irgendwelche Pornohefte, aber es war nicht so ausgeprägt wie jetzt. Das liegt aber auch an der Entwicklung der Technologie der Medien. Es gab noch kein Internet, kein MTV, Videokasetten waren nicht so im Umlauf. Einerseits sehr offen und weniger verklemmt - man nannte uns Titos FKK-Paradies - andererseits war es immer ein männlicher Blick und ziemlich machistisch. Aber prüde war unser Land nicht. (Kerstin Kellermann)

"Pornokino" im "space", Gumpendorfer Straße 68, 1060
Eine Produktion des "pink zebra-theatre", zweiter Regisseur Christoph Prückner

Weitere Vorstellungen 27.4. um 23 Uhr und 29.4. um 22 Uhr
28.4. Pornokaraoke
29.4. ab 23.15 Uhr Publikumsgespräch mit Artefuckte-Tombola

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Pornokino
Ticketinfo: E-Mail oder Tel. 01 / 586 52 22
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Thomas Felder
30.03.2007 06:01
und wir wissen alle was da schief läuft

nein, was denn?

der schönste mann v. wien 
30.03.2007 12:33
ja, wäre interessant!

gnadevorrecht
29.03.2007 21:36
Nirgendwo zeigt sich die Absurdität der Argumente der 'Linken' besser als bei diesem Thema!

Einerseits ist man gegen die Moral iZm Sexualität (und daher natürlich auch gegen Werte, Kirche etc). Jeder möge machen was er will (was nicht immer gleichzusetzen ist mit dem, was einen glücklich macht). Freizügigkeit in ihrer reinsten Form sei die Pornografie - diese gehört gefördert. Sie wird sozusagen zum Inbegriff, zum Symbol der sexuellen Freiheit. Und Freiheit könne ja nur etwas Gutes sein. Sogar der Feminismus heftet den Kampf für DIESE Freiheit auf seine Fahnen.

Nun steht man ganz Verblüfft vor dem Ergebnis dieser Denkweise: Aha, die Frauen werden ja ausgebeutet?! Sex wird zur Ware?! Jene, die die Freiheit genießen könnten werden zunehmend depressiv und unglücklich? Abtreibungen?! Scheidungen?!

Arme, kranke Welt!

Thomas Felder
30.03.2007 06:02

lieber hr. kohlevorrecht,
ihre argumentation ist etwas wirr

Engel Bert
30.03.2007 00:24
Durcheinander oder provokant?

Wer bezeichnete wann Pornographie als "Inbegriff der sexuellen Freiheit"?

Sie differenzieren nicht und stellen einfältige Behauptungen in den Raum, um schliesslich Weltschmerz zu beklagen.

Captain Smoker
29.03.2007 20:32
Ich freu mich schon auf die roten Stricherl:

Warum sind Fe*ministinnen gegen P*ornos?
Sie wollen nicht, dass andere Frauen Geld mit was verdienen das sie selber gratis nicht anbringen.

Hibiskus
30.03.2007 12:57
Ich freu mich auch.

Feministinnen sind nur als Pornostarlets verkleidet überzeugend?
Oder machen sie sich dann erst so richtig unglaubwürdig?
Oder müssen sie ein Mindestmaß an Schärfe aufweisen um Gnade vor den Augen eines Captain Smoker zu finden?
Auf die vielleicht gar keinen Wert gelegt wird?
Muss ich mir erst einen Pelz wachsen lassen und mir die Haare scheren um für sie als Feministin zu gelten.
Keinen Sex mehr.
Ach ja. Eine hübsche Feministin ist bloß fehlgeleitet.

Captain Smoker
30.03.2007 13:05

Feministinnen machen sich schon mit ihren eigenen Aussagen unglaubwürdig. Einerseits sind sie für se*xuelle Freiheit, andererseits stehen sie Hand in Hand mit P*orno-Humer und Ewald Stadler wenn ihnen die se*xuelle Freiheit dann doch nicht exakt in ihre Denkweise paßt.

Und in diese Richtung geht auch dieser Witz der übrigens nicht von mir "erfunden" wurde. ;-)

Engel Bert
30.03.2007 00:17
Aha.


Christoph Kaminsky
29.03.2007 19:03
simple Klischees ersetzen nicht die Wirklichkeit

Von einer Übersexualisierung kann nicht die Rede sein. Das Gegenteil ist vielmehr der Fall. Sexualleben wird medialisiert, um Sex nicht mehr praktizieren zu müssen. Ist nämlich viel bequemer. Sex zwischen Menschen ist hoch komplex, deswegen kompliziert und belastend. Vor allem die Jugend geht zwanglos mit Sex um. Sie lassen den Sex links liegen, streifen allfällig daran an, gestehen ihm weniger Bedeutung denn je zuvor zu. Der Zwang zum Sexprotz und zur Sexbombe existiert nur noch in den Köpfen einer pseudokritischen Scheinintellektuellen-Schickeria.

Thomas Felder
30.03.2007 06:03

Sex zwischen Menschen ist hoch komplex

????????

aber gar nicht

Kendall Von Tharn
29.03.2007 14:02

...so ein blödsinn. unsere "gesellschaft" ist genauso "übersexualisiert" wie die kultur der römer, griechen, sumerer, kelten etc... bevor diese seltsamen "künstler" was machen, sollten sie mal archäologie und geschichte studieren. nicht so einen schmarren in die welt setzen. aber dann könnten sie wohl ihre überbordenden phantasien nicht ausleben.

Joe Wiener
29.03.2007 16:50

die gesellschaft ist nicht übersexualisiert aber der urbane raum und die medien sind es sehr wohl....
mir fällt da nur ein zitat ein - hab ich mal von irgendwem im Falter gelesen:

"we are oversexed but underfucked"

das triffts glaub ich ziemlich....

Christoph Kaminsky
29.03.2007 19:04
Das trifft es sogar absolut!

anders and 
29.03.2007 18:30
mag sein dass der urbane Raum oversexed ist,

aber mit Ihrem Vorposter bezweifle ich, dass das jemals anders war. Ich vermute eher das Gegenteil. Früher gab es doch an jeder Ecke Schmutz und Schund - . Heute sind diese Vokabel vom Aussterben bedroht. Wir nehmen viel weniger als sexuell wahr als in früheren Jahrzehnten.
Man kann das mit einem FKK-Strand vergleichen, der deutlich weniger sexuell aufgeladen ist als ein katholisches Priesterseminar.

Christoph Kaminsky
29.03.2007 19:06
früher hatte es noch den Reiz des Verbotenen, Tabuisierten

an sich. Heute ist es schlicht und einfach nur fad und erschöpft sich in einer matten Ästhetisierung des nur allzu Banalen.

licaroli licaroli
29.03.2007 16:53

oder: oversexed and underpaid

Kosmos 100001
29.03.2007 13:17

Endlich! Ich finde es sehr gut und wichtig, dass man sich dieser Thematik mehr widmet.
Was alles notwendig ist, was man alles tun muss, damit man den Leuten diese selbstverständliche Verblendung runter nimmt, sie wachrüttelt, alleine an dem erkennt man, wo die Hemmschwelle ist – weit, weit, weit unten. Das was die alles machen müssen, um die Pervertierung der Gesellschaft darzustellen, genauer gesagt, was die Gesellschaft sehen muss, damit sie ihre Pervertierung überhaupt wahrnimmt, das ist das, was die Gesellschaft sehen muss, auch wenn sie es nicht will.
Bravo!

canis major
29.03.2007 20:11
und sie gehören nicht zu dieser...

pervertierten gesellschaft...

Mac Smith
29.03.2007 16:02
Das habe ich so fast wörtlich schon mal gelesen,

von einem Herrn Goebbels, ist Ihnen sicher ein Begriff.

Kosmos 100001
29.03.2007 16:35

Das ist ja wohl das Letzte, meine Aussage mit der eines Nazis gleichzusetzen! Das was ich hier sagte, habe ich nicht vom dem Nazi, schon gar nicht ist es damit gleichzustellen, das erkennt man alleine am Thema.
Göbbels sagte was ganz anderes, in einem ganz anderen Zusammenhang.

R.M. S.
24.04.2007 16:24

Sie kennen jede Göbbels Rede auswendig?

Das nenne ich wirklich suspekt.

;-)

Kosmos 100001
25.04.2007 13:49

Nein, Reden irgendwelcher Nazis kenne ich nicht auswendig, sonst würde ich dauerkotzen. Allerdings gehört es zur Allgemeinbildung und einem unabdingbaren muss, sich mit der Tragik des NS-Regimes auseinanderzusetzen. Da bleiben einem Inhalte der Nazis leider nicht erspart, so unerträglich sie auch sind. Außerdem, ufert diese Frage immer mehr ins lächerliche, schon andere User hier versuchten meine berechtigte Kritik an Gesellschaftsströmen in irgendein schlechtes Eck zu stecken, weil sie die Kritik nicht hören, die Tatsachen nicht zugeben wollen und mich damit mundtot machen wollen. Solche faschistischen Methoden muss man diesen Leuten abgewöhnen, wir wissen ja alle, wo so was hinführen kann. Also spart euch weitere Mühen...

der schönste mann v. wien 
25.04.2007 14:11
Sie meinen methoden die freiheiten beschneiden wollen?

so wie Ihr anliegen des generellen verbotes von prostitution und pornographie.

da müßen Sie bis zu nächsten diktatur warten...

Kosmos 100001
25.04.2007 14:44

Nein, demokratische Menschenrechtssysteme habe es n.a. zum Ziel, die Diktatur der Menschenmisshandlung, Menschenhandel abzuschaffen und zu verbieten. Wir haben die ideale Grundlage, um die Prostitution abzuschaffen, die Pornographie zu verbieten, die ebenfalls Prostitution ist. Wer was dagegen hat, weiß wohl nicht was Menschenrechte sind und ist für die Menschenmisshandlungsdiktatur. Denn Menschenrechte gelten für jeden Menschen.
Und kommen Sie mir nicht wieder mit dem Schwachsinn, dass die P. sich freiwillig misshandeln und ausbeuten lassen würden, auch zu Zeiten legitimer Sklavenhalterei haben die Sklavenhalter gefordert, ihre Sklaven sollen dankbar und glücklich sein. Die Freiheiten der Sklavenhalter sollen ganz abgeschafft werden.

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