
dieStandard.at: Wie sieht euer inhaltlicher Ansatz zum Thema "Porno" aus?
Vanja Fuchs-Grgurevic: "Pornokino" hat sehr viel mit den Medien zu tun. Im Mittelstück ist eine Talkshow, die wir völlig ad absurdum führen. Wir laden Gäste ein, die der Albtraum jedes Moderators sind. Denn für mich ist das, was in Publikumsshows passiert, wesentlich pervertierter und pornografischer als was offiziell unter dem Titel "Porno" läuft. Das betrifft auch dieses sich zur Schau zu stellen. Die Leute sind bereit jeden Blödsinn mitzumachen, um einmal im Fernsehen zu sein. Ich finde es entmenschlichend und entwürdigend, wie mit Gästen und Themen umgegangen wird.
dieStandard.at: Wie ging es dir mit dem Thema?
Fuchs-Grgurevic: Ich hatte ein bisschen Bedenken. Mich interessieren vor allem die ästhetischen Aspekte, weil es schon - abgesehen von der Kritik an Pornografie und wir wissen alle was da schief läuft - interessante Aspekte in der Darstellung der Körper, in der ästhetischen Norm gibt. Im Stück arbeiten wir nicht mit den magersüchtigen, jugendlichen Models der aufpolierten Hochglanzästhetik, sondern mit z.B. übergewichtigen, älteren Menschen oder tätowierten, gepiercten Körpern. In einem anderen Projekt arbeiteten wir mit kleinwüchsigen Menschen. Das rief Proteste hervor. Die eigentliche Provokation liegt darin, dass die Leute nicht mehr gewohnt sind, irgendwo in der Öffentlichkeit diese nicht verschönerten Körper zu sehen. Wir stellen sie sicher anders aus als diverse Talkshows, wo sie wie Zirkustiere und Attraktionen vorgeführt werden. Wir präsentieren sie als unsere HeldInnen des Alltags, z.B. hatten wir eine nicht professionelle Domina als Gast, die hauptberuflich Hühnerzüchterin im Burgenland ist. Oder Gerhard Eichberger, der ein echter Volksdichter ist und auch bei Drahdiwaberl dabei. Jede Vorstellung ist anders.
dieStandard.at: Regisseur Peter Fuchs sagte, dass den ZuschauerInnen zum Teil das Leiden ins Gesicht geschrieben steht...
Fuchs-Grgurevic:
Das "space" ist als Theaterraum extrem klein. Es ist alles sehr nah am Publikum und sehr intim. Trotzdem ist das Publikum durch die Masken, die es trägt, anonym und wird zum Voyeur gemacht. Es wirkt alles viel stärker. Besonders der letzte Teil mit der Körperperformance und der Sprachmaschine tut den Leuten weh. Wir hatten in der ersten Spielserie an einem Abend eine Performance zum Thema "Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Exotismus". Die Körperperformance war ein Live-Bondage-Act mit Klebebändern, bei dem das Publikum die Enden der Bänder in der Hand hielt und parallel dazu haben wir aus Polizeiprotokollen zum Fall Omofuma vorgelesen. Es kam kein Applaus. Die Menschen sind einfach sitzen geblieben und waren verstört. Es beginnt immer mit der Leichtigkeit der Pornozwerge, die Talkshow ist meistens auch eher lustig und der letzte Teil ist sehr hart. Die Texte sind nicht wirklich illustrierend und die Zusammenwirkung aus Körper- und Textaktion muss man erst mal verdauen.
dieStandard.at: Peter sagte, es gibt berührende Punkte, aber die zerstört ihr dann gleich wieder. Was ist da die Absicht dahinter?
Fuchs-Grgurevic:
Es geht darum, künstlich und konstruiert eine gewisse Erwartungshaltung herbei zu rufen ohne diese Erwartungen zu erfüllen. Wir orientieren uns an der Dramaturgie echter Pornos. Unser "Item Girl", die Krankenschwester, die Lackschwester, beginnt sich auszuziehen und wird gestört. Später kommt sie zurück und hält feministische Brandreden gegen die Pornografie. Es ist ein ständiger Wechsel.
dieStandard.at: Mit Foucault gesprochen, herrscht ja in unserer Gesellschaft die Übersexualisierung vor. Die Leute sollen im Sex glücklich sein, weil sie es in der Arbeit, in der Wohnung, in der Gesellschaft nicht sind…
Fuchs-Grgurevic:
Sexualität ist zu einem Mittel für den Verkauf von Ware geworden. In unserem Stück deklarieren wir alles als Sex und versteigern viel. Eine Hühnerfeder wird zum Fetisch. Wir verbinden Sex immer mit Konsum. Wir versuchen Werbung und Konsumwelt, die übersexualisiert sind, in Ästhetik und Sprache einzubinden. Es ist alles Ware. Wir verwenden immer wieder Textsplitter aus wissenschaftlichen oder pseudowissenschaftlichen Abhandlungen – wie z.B. einen Text von Norbert Elias über den Gebrauch der Gabel. Die Gabel ist die Inkarnation der Distanziertheit, meint Elias. Nur Kannibalen essen mit den Fingern. Es wäre ein peinliches Gefühl, sich die Finger schmutzig zu machen. Je weiter sich die Menschheit entwickelt hätte, desto mehr Tischsitten wurden konstruiert. Das schafft diese künstliche Distanz. In der Performance steckt sich ein Performer Gabeln in den Hintern, die vorher auch dem Publikum angeboten wurden. Wir hinterfragen biologistische Thesen, indem wir denen radikale Bilder entgegen stellen. Das ganze Format steht immer wieder auf der Kippe in dieser offenen Form mit den improvisierten, aktionistischen Elementen. Sicher passieren auf der Bühne Sachen, die wir nicht 100prozentig steuern können - das wollen wir auch nicht.
dieStandard.at: Mich erinnert "Pornokino" an Produktionen der "Neuen Slowenischen Kunst", im Aktionismus und der Einbeziehung des Publikums, diesem radikalen Hardcore-Theater...
Fuchs-Grgurevic:
Als ich noch in Slowenien lebte, interessierte ich mich mehr für klassische Oper als für Laibach. Ich arbeite sicher nicht bewusst mit NSK-Ästhetik. Es mag aber sein, dass ich einen anderen Blick habe, denn ich wurde nicht so stark katholisch von Schuld und Sühne beeinflusst. Die Toleranzschwelle war im ehemaligen Jugoslawien eine andere. Was die Sexualität, Nacktheit oder Körpertheater betrifft, gab es andere Paradigmen als in Österreich. Der Umgang mit Sprache war anders. Wenn ich jetzt die Zeitschrift "Mladina" lese, die Kommentare und Karikaturen anschaue – da gäbe es in Österreich sicher schon eine Klage. Es gab schon irgendwelche Pornohefte, aber es war nicht so ausgeprägt wie jetzt. Das liegt aber auch an der Entwicklung der Technologie der Medien. Es gab noch kein Internet, kein MTV, Videokasetten waren nicht so im Umlauf. Einerseits sehr offen und weniger verklemmt - man nannte uns Titos FKK-Paradies - andererseits war es immer ein männlicher Blick und ziemlich machistisch. Aber prüde war unser Land nicht. (Kerstin Kellermann)
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