Am Freitag wurde bekannt, dass am 7. April in der irakisch-kurdischen Stadt Bashiqa, die 17-jährige Doa zu Tode gesteinigt worden ist. Nach Angaben von Wadi, einer vor Ort tätigen Hilfsorganisation aus Österreich, gehörte das Mädchen einer Yezidi-Familie an, hatte sich aber in einen muslimischen Araber verliebt und diesen im Geheimen getroffen. Als die Beziehung entdeckt wurde, brachte man das Paar auf eine Polizeistation und verhörte sie. Da der Mann Doa nicht heiraten wollte, verboten ihre Eltern die Rückkehr nach Hause. Ein yezidischer religiöser Würdenträger aus Bashiqa nahm sich ihrer an und versteckte sie fünf Tage lang bei sich zu Hause, bis sie Familienangehörigen aus seinem Haus holten, mit dem Versprechen, ihr würde nichts zustoßen. Auf offener Straße wurde sie daraufhin zu Tode gesteinigt, so Wadi.
Ihre Familienangehörigen gehören den mehrheitlich kurdischsprachigen Yezidi an, die selbst - in den letzten Monaten verstärkt - ins Visier islamistischer Terrorgruppen geraten waren, welche sie als "Teufelsanbeter" denunzieren.
Mirza Dinnayi, ehemaliger Minderheitenberater des irakischen Staatspräsidenten Talabani und Koordinator der "Yezidi Democratic Community" in Deutschland zeigt sich über den Vorfall bestürzt. "Alle yezidischen Vereine und Persönlichkeiten haben auf diesen barbarischen Akt voller Bestürzung reagiert. Dass Ehrenmorde nun auch unter Yeziden passieren, zeigt, wie verroht die irakische und die gesamte orientalische Gesellschaft ist."
Fehlender Rechtsschutz
"In einer von ethnisierten und religiösem Fanatismus angeheizten Stimmung und der völligen Abwesenheit einer funktionierenden Staatlichkeit, kommt es immer häufiger vor, dass Familienverbände das Recht in die eigene Hand nehmen", erklärt Wadi-Obmann Thomas Schmidinger den Kontext der Ermordung: "Davon sind offenbar auch Gruppen betroffen, die als Minderheiten selbst Opfer von Gewalt werden."
Kurdische Frauen werden durch einen fehlenden Rechtsschutz immer wieder zum Opfer von Ehrenmorden, erklärt Mary Kreutzer von Wadi. "Dieser jüngste Mord ist jedoch durch die Beteiligung so vieler Personen und die Untätigkeit der anwesenden Polizisten und kurdischen Sicherheitskräften besonders erschütternd!"
Mirza Dinnayi befürchtet, dass sich die Situation für die yezidische Bevölkerung in den nächsten Wochen massiv verschlechtern werde. Er berichtet von manipulierten Videoaufnahmen, die das gesteinigte Mädchen mit Kopftuch und Koran in Händen zeigen. "Kurdische Islamisten verbreiten das Gerücht, dass das Mädchen zum Islam konvertiert sei, und deshalb sterben musste. Sie hetzen mit dieser Falschmeldung die Gemüter auf. In den Moscheen von Mosul kursiert seit der Tat eine Fatwa, die zur Ermordung von Yeziden aufruft. Und vor einer Woche wurden 24 yezidische Arbeiter aus einem Bus gezerrt und hingerichtet."
Tatsächlich zeigen Filmaufnahmen, die mit einer Handy-Kamera gefilmt wurden, dass männliche Familienangehörige des Mädchens (der Onkel, der Bruder und ein Cousin) vor den Augen mehrer hundert Zuseher, das Mädchen nackt auszogen und zu Tode steinigten. Deutlich erkennbar sind ebenfalls Polizisten, die der Steinigung unbeteiligt zusahen und nicht einschritten.
2007 40 ermordete Frauen aus Gründen der sogenannten "Ehre"
So richtet sich die Forderung von Wadi nun auch an die irakischen und kurdischen Behörden entschieden strafrechtlich gegen die Familie des Opfers vorzugehen: "Nur wenn die Täter nun rasch festgenommen werden, ihnen der Prozess gemacht und sie nach dem irakischen Strafrecht bestraft werden, kann der irakische Staat noch glaubwürdig vermitteln, dass er keine Lynchjustiz duldet", stellt Mary Kreutzer klar. "Aber auch die Untätigkeit der anwesenden Sicherheitskräfte muss untersucht werden." Bislang wurden lediglich sechs Personen verhaftet. "Es kann nicht sein, dass der Großteil des beteiligten Mobs einfach unbehelligt bleibt", kritisiert Kreutzer. In diesem Zusammenhang fordert Wadi zudem rechtliche und gesellschaftliche Bemühungen zu intensivieren, die strukturellen Rahmenbedingungen so zu verändern, dass endlich diese in der Öffentlichkeit weitgehend verschwiegenen Verbrechen entschieden bekämpft werden. Allein zwischen Jänner und März 2007 kam es zu 40 Mordfällen an Frauen aus Gründen der sogenannten "Ehre" in Irakisch-Kurdistan, wie UNAMI (United Nations Assistance Mission in Iraq) jüngst berichtete. (red)
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