"Homogen wirken solche Communities von außen nur, weil innere Diskussionsprozesse nicht transparent werden", sagt Sabine Strasser, wissenschaftliche Leiterin des Projekts "Multikulturalismus im Widerstreit" der Forschungsstelle für Sozialanthropologie der Akademie der Wissenschaften. Den Fokus der Forschung richtet das sechsköpfige Team gleichzeitig auf Geschlechteregalität, kulturelle Diversität und sexuelle Autonomie. Vertreterinnen des Fachbereichs Rechtsphilosophie und des Instituts für Kultur- und Sozialanthropologie der Uni Wien bearbeiten im Rahmen von NODE dieses Spannungsfeld interdisziplinär. Das Programm "New Orientations for Democracy in Europe" (NODE) des Wissenschaftsministeriums widmet sich den Brüchen, Differenzen und Schwierigkeiten, welche die kulturelle Diversität (in) der EU mit sich bringt.
Kulturalistische Zuschreibungen verhindern
"Wie können gleichzeitig kulturalistische Zuschreibungen und Gewalt gegen Frauen in minorisierten Kontexten verhindert werden", lautet die zentrale Forschungsfrage für Sabine Strasser. Vergangenen Freitag diskutierten (inter)nationale Forscherinnen in Wien, wie es zu dieser Verquickung kommt, welche Gesetze den "Minderheiten innerhalb der Minderheiten" helfen und wieso man Gleichberechtigung nie getrennt von der Mehrheitsgesellschaft betrachten kann. Anne Philipps, Professorin für Gender Theorie und Direktorin des Gender Institute an der London School of Economics, fächert die Geschichte der Beschäftigung mit Geschlechtergerechtigkeit in kulturell diversen Gesellschaften auf. Seit knapp zehn Jahren loten Wissenschaft und Politik die Limits der Toleranz aus. Benachteiligte Gruppen innerhalb von Minderheiten - neben Frauen auch Arme, Kinder oder Homosexuelle - sollen geschützt werden. Das führte deshalb zu einer "Lähmung", so Phillips, "weil feministische Argumente von nationalistischen Politikern missbraucht wurden, um Minderheiten und ihre Kultur zu diskreditieren". Auffallend ist für die politische Philosophin aus England, "dass es sich dabei meist um Personen handelt, denen allgemein gleiche Rechte für Frauen oder Homosexuelle bisher kein Anliegen waren".
Eine österreichische Besonderheit ist, dass "der Kopftuchstreit vor allem in den Medien geführt wird", meint Sabine Strasser.
Wenn es ein Problem gibt, "räumen Vertreter der Islamischen Glaubensgemeinschaft und des Innenministeriums es gewöhnlich gemeinsam aus". Schließlich ist der Islam seit 1912 anerkannte Glaubensgemeinschaft in der Alpenrepublik.Vorstellungen von Autonomie, Kultur und Geschlecht in Theorie und Praxis sollen bis 2008 erfasst werden, denn sie wirken handlungsanleitend.
Dazu werden qualitative Interviews mit Praktikern aus spezialisierten NGOs geführt und sechs Monate Feldforschung in minorisierten Kontexten betrieben. Die Rechtsphilosophin Elisabeth Holzleithner analysiert die relevanten Gesetze und deren Auslegung. Kontroversiell diskutiert wird, ob es Rechte nur für Individuen oder auch für Gruppen geben soll. (Astrid Kuffner/DER STANDARD, Printausgabe 09.05.2007)
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