
dieStandard.at: Wie entstand denn eigentlich die Zwangsprostitution der "Trostfrauen"? Und um welchen Trost für wen geht es?
Aida Karic: Japan wollte Kolonien haben und griff erst China und dann Korea an. Es gab extreme Ausschreitungen gegen die Zivilbevölkerung und die Vergewaltigungen nahmen so ein Ausmaß an, dass sich die Politiker zusammen setzten, wie das schlechte Bild Japans vermieden werden könnte. So entstanden die "Troststationen" für die Soldaten. Dieser "Trost" klingt so poetisch und ist so schrecklich.
dieStandard.at: Sind die "Trostfrauen", die Sie in ihrem Stück darstellen, starke Frauen?
Aida Karic:
Ich will auf der Bühne nicht alles erklären und lasse die Frauen nur reden, was sie nicht mit dem Körper ausdrücken können. Wenn Kassandra körperlich zittert und in Trance ist, dann ist das auch eine Art, sich gegen den Zustand der Gewalt zu wehren , der auf ihren Körper ausgeübt wird. Ich orientierte mich stark an Christa Wolfs Kassandra, die von Leidenschaft und Aktionismus getragen und getrieben wird. Hekuba ist ähnlich Hilary Clinton eine Frau, die bis zum letzten ihre Familie retten will. Erst als alles verloren ist, kommt Hekuba Kassandra sehr nahe. Hekuba hielt Kassandra lange für verrückt - wegen deren schamanischen Trancezuständen und weil beide so unterschiedliche Charaktere sind. Eigentlich hat sie sie einfach nicht verstanden. Erst als Troja weg ist, verflucht Hekuba die Götter und die Soldaten, sie verflucht alle und hat keine Angst mehr. Hekuba wird von Zeus in eine Hündin verwandelt und entkommt. Die Geschichte von Helena ließ ich aus, weil sie in bezug auf das Thema "Vergewaligung" nicht relevant war.
dieStandard.at: Warum verwendeten Sie eigentlich Frauenfiguren aus der griechischen Mythologie für die Geschichte der "Trostfrauen"?
Aida Karic:
Die Zeuginnenaussagen der ehemaligen "Trostfrauen" waren alle sehr ähnlich und gesichtslos. Für meine Art des Theaters passt das nicht. Man muss eine große Charakterstärke und einen immensen Überlebenswillen haben, um sexuelle Gewalt zu überstehen. Deswegen suchte und wählte ich mir die griechischen Frauen aus - weil sie so stark sind. Das war der Grund. In den Zeuginnenaussagen suchte ich nach Stellen des Widerstandes. Eine Frau rächte sich, indem sie das Schwert nahm und einen Offizier umbrachte. Dann stand sie lautlos neben der Leiche. Szenisch steht sie zwischen zwei Wänden und das Licht kommt von hinten. Oder als Kassandra mit der Waffe in der Hand heraus kommt – ich verwandle das in eine Bildsprache, in der jede Geste viel bedeutet.
dieStandard.at: Was halten Sie von Ritualen oder Zeremonien, um Gewalt zu verarbeiten?
Aida Karic:
Während der Produktion, in der wir ständig mit Frauenmord zu tun hatten, erlebten wir fünf Todesfälle, drei in meiner Familie, die Schwester einer Schauspielerin und Marie Zimmermann, die Leiterin der Wiener Festwochen. Wenn man sich verabschieden kann, ist es leichter. Ich komme aus einer starken Frauenfamilie und von einer Tante, die während des Krieges gestorben ist, konnte ich mich nicht verabschieden. Sie ist einfach aus Trauer über den Krieg gestorben. Sie blieb in Zvornik zurück und lebte weiter. Sie wartete einfach, dass die Soldaten kommen und sie holen. Ihre ältere Schwester begrub sie alleine in der Nacht. Während der Produktion dachte ich oft an Kusturicas Film "Time of the Gypsies" und die Kerzenszene im Wasser. Im Stück nahm ich dann absichtlich ein schamanisches Todesritual. Das macht Kassandra, weil sie eine Schamanin ist. Weiß ist die Farbe des Todes im positiven Sinn, weil eine Seele ins Licht kommt. Die Frauen tanzen, weil sie der Seele helfen wollen, auf eine gute Weise die andere Welt zu erreichen. In Korea habe ich so ein Schamaninnenritual gesehen, das dauert einen Tag. Ich habe immer gewusst, dass das Ritual im Stück über den ganzen Raum gehen muss.
dieStandard.at: Haben Sie selbst überlebende "Trostfrauen" kennen gelernt?
Aida Karic:
Ich habe so zwanzig Überlebende gesehen. Die wurden so schlimm behandelt, sie waren mittellos, als sie gealtert sind. Mönche nahmen sie auf, denn die Frauen konnten nicht auf der Straße leben. Jetzt sind viele in einem Altersheim, dürfen aber nur dort leben, wenn sie ihre Geschichte erzählen. Nur dann gibt der Staat Geld. Diese über 80jährigen Frauen sagen z.B., wenn ich eine Ausbildung hätte, müsste ich nicht hier bleiben. Die wurden mit 16 Jahren entführt und hatten keine Ausbildung und keinen Job, viele waren nicht in der Schule und sind Analphabetinnen. "Unsere Pflicht ist es, darüber zu erzählen", meinten sie, aber das hatte einen negativen Beigeschmack, denn es kommen immer wildfremde Menschen und denen sollen sie alles berichten. Ein zweiter Satz, der immer wieder vorkam, war, "Japan wartet nur, dass wir tot sind, denn wenn wir tot sind, gibt es kein Problem mehr". Die ehemaligen "Trostfrauen" wurden auch immer wieder gefragt, warum sie sich nicht umbrachten, während das passerte. Eine sagte, sie wollte Selbstmord machen, aber sie konnte nicht. Das Gesicht ihrer Mutter wäre ihr erschienen und hätte sie aufgehalten. Es gibt einen Text von Slavenka Draculic, in dem die Frauen auch so tief Luft holen, um zu erzählen. An den musste ich während der Gespräche denken. Der Schmerz sitzt so tief, bis jetzt, das muss ein ungeheurer Schmerz sein.
dieStandard.at: Die Schriftstellerin Dubravka Ugresic sagte mir in einem Interview, dass der Bosnienkrieg noch überhaupt nicht verarbeitet wäre. Niemand redet darüber, wie er entstanden ist und wer die Täter sind... Alle haben sich irgendwie damit abgefunden.
Aida Karic:
Ich bin entsetzt, wie man heute in Belgrad mit dem Thema "Bosnienkrieg" umgeht. Selbst kritische Leute, die gegen die Regierung waren, fühlen sich beim Thema "Vergewaltigungen" persönlich angegriffen. Sie wollen davon nichts wissen. Im Sinne von, das ist so schrecklich, das können wir nicht gemacht haben. Sie wollen nicht wahrhaben, dass sich jemand Lager wie Omarska ausgedacht hat und Befehle gab. Man sagt, dass eine Gesellschaft, in der der Krieg unter fünf Jahre dauerte, schneller zur Normalität zurück kehrt. Nach Dayton war ich in Sarajevo und sah Autos mit Belgrader Kennzeichen. Niemand reagierte. Ich war froh, aber niemand hätte sich gewundert, wenn etwas passiert wäre. Vor ein paar Jahren vertraten viele noch den Nationalismus und Faschismus gegen andere Nationen und jetzt plötzlich tun die gleichen Leute z.B. in einem Interview so, als ob nichts gewesen wäre.
dieStandard.at: Was ist Ihr Motiv, sich immer wieder mit dem Krieg auseinander zu setzen?
Aida Karic:
Ich mache das, weil ich alle diese Menschen, die mir ihre Geschichten erzählten, jeden Tag in mir trage und mich verpflichtet fühle, ihre Schicksale darzustellen. Vergewaltigung war ein Thema, als der Krieg begann und intuitiv habe ich gespürt, dass etwas passieren könnte. Man muss sich entscheiden. Meine Entscheidung war, dass ich mich von niemandem wie ein Tier festhalten und mit mir machen lasse, was er will. Ich wollte sofort weg. Mein Vater nicht, aber meine Panik war der Grund, dass wir das Haus verlassen haben. Ich beschäftige mich sehr mit dem Krieg, weil ich da etwas wissen will. Kunst ist immer Dramatisierung und ich wollte ein Stück machen, in dem nicht so viel gejammert wird, ich wollte die Frauen als starke Charaktere und in ihrem Verhältnis zueinander darstellen.
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Blödsinn.
Auch in Dt/Ö haben sich die amerikanischen Soldaten, mit wenigen Ausnahmen, der Zivilbevölkerung und den Frauen gegenüber gut, also nicht als Massenvergewaltiger, verhalten. Auch die Überlebenden der von den Amerikanern befreiten KZs berichteten nur Gutes, während in den osteuropäischen Ländern alte Tabus aufbrechen und Vergewaltigungen der russischen Soldaten unter der Zivilbevölkerung und sogar in befreiten KZs langsam aufgearbeitet werden.
Schon gar nicht haben sich die Amerikaner während des Krieges 200.000 dt, ö, japanische Mädchen an der Front gehalten, die jeder Soldat (zu Tode) vergewaltigen konnte, wann immer er wollte, zum "Trost" für den Kriegsalltag und -dienst.
Dieser "feine" Unterschied interessiert wohl nicht.
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