US-Songwriterin schlüpfte für ihr neuntes Studioalbum in Rollen griechischer Göttinnen, um Dualität der christlichen Sicht auf Frauen aufzubrechen
Wien - "Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust", klagte
Dr. Faust einst. Der Mann hatte Probleme! In Frauen leben mindestens
fünf verschiedene Persönlichkeiten, postuliert Tori Amos, mittlerweile in Cornwall lebendes Ex-Cornflake Girl. Für "American
Doll Posse", ihrem bei
Sony BMG erschienenen neunten Studioalbum,
gibt sie solo eine ganze Frauenriege. Im Juni war die Sängerin in Wien und Graz zu Gast.
Nicht nur Hure, nicht nur Mutter
Die 43-jährige Songwriterin hat noch nie ein Album ohne Konzept gemacht.
Das jüngste sieht so aus: Um die in der christlichen Religion
vorherrschende Dualität der Sichtweise auf das Weibliche
aufzubrechen, greift die Tochter eines Methodistenpfarrers auf die
griechische Mythologie zurück und zeigt die Frau nicht als Hure oder
Mutter, sondern als vielschichtiges Götterwesen, die wesentlich mehr
drauf hat. Nicht Maria Magdalena oder Maria Mutter Gottes lautet die
Alternative, sondern Artemis, Persephone, Athene, Aphrodite und
schließlich Tori selbst, eine Mischung aus Demeter und Dionysos. Für
Clyde, Pip, Isabel, Santa und Tori, wie die Damen heißen, sind sogar
eigene Blogs eingerichtet.
Vita
Myra Ellen Amos kommt am 22. August 1963 in Newton, North Carolina zur Welt. Früh beginnt sie Klavier zu spielen, mit vier singt und spielt sie im Kirchenchor und mit fünf wird sie die jüngste Schülerin, die das "Peabody Conservatory" in Baltimore jemals hatte. Ihr improvisatorischer Zugang zu klassischen Stücken wird dort aber meist mißbilligt und mit 10 muss sie die Schule verlassen.
1983 ändert sie ihren Namen in Tori, ein Jahr später zieht sie nach Los Angeles und 1987 veröffentlicht sie ihre erste Platte mit einer Hard-Rock Band namens "Y Kant Tori Read". Das Album wird ein totaler Flop und sie löst die Band auf.
Musiktherapie
Sie beginnt ihre Solokarriere. Die Stimme, die tonisieren kann wie die von Kate Bush, ist ein Garant für Erfolg. Tori Amos thematisiert in ihren Songs eine brutale Vergewaltigung genauso intimisiert wie eine traumatische Fehlgeburt. "Sie war überzeugt, sogar einen Gletscher aufhalten zu können/aber sie konnte noch nicht einmal ein Baby am Leben erhalten", singt sie, und die Aufdröselung der Schuldgefühle ist die Art schonungsloser Seelenstriptease, mit der sie berühmt geworden ist, seit 1992 ihre erste Soloplatte "Little Earthquakes" erschien.
Tori Amos, die heute zurückgezogen auf einem Bauernhof lebt und die Annehmlichkeiten eines daheim eingerichteten
hochmodernen Studios in Anspruch nimmt, geht mittlerweile mit Kind und
Kegel auf Tournee.
Friendly Fire
Für das Cover und Booklet von "American Doll Posse" posiert Amos in den
unterschiedlichsten Verkleidungen zwischen laszivem Vamp, verhuschter
Esoterik-Priesterin und Rock-Göre, mischt die insgesamt 23 Songs wild durcheinander. Und in ihrer Gesamtheit klingt die Musik der
"American Doll Posse" stark nach dem, was man von der
Sängerin aus North Carolina seit vielen Jahren gewohnt ist.
Sie beginnt mit einem herausfordernden "Yo George", mit dem sie
dem US-Befehlshaber salutiert, ihm höhnisch erklärt, sie sei leider
auf seine Politik allergisch und sich freundlich erkundigt, ob er nun
seinem britischen Namenkollegen König George III. in den Wahnsinn
folge. Später wird sie die Friedensbewegtheit
weltanschaulich-religiös ausweiten, wenn sie in "Dark Side of the
Sun" danach fragt, wie viele junge Männer ihre Leben noch lassen
müssten, und "Bushes burn there on the mountain" auch anders als rein
biblisch verstanden werden kann.
Auftritte in Wien und Graz
Zwischendurch lässt Tori Amos aber schon mal für ein paar Sekunden
die Rock-Sau aus dem Stall ("Fat Slut"), singt sich mit ihrer
sanftweichen Stimme durch Balladen wie "Girl Disappearing", bekennt
"I am my father's son", baut immer wieder Country-Anklänge ein und
liefert (wie in "Body and Soul", "Beauty of Speed" und anderen Songs)
sonst viel Pop von der Stange. Ihre Konzert-Auftritte mit dem
geliebten Bösendorfer-Flügel sind übrigens keine Umzieh-Orgien. "Im ersten Teil der Show bin ich eine der Frauen, im zweiten
bin ich Tori", erklärt sie, "Man muss sich sehr bewusst sein, was in
der jeweiligen Stadt am jeweiligen Tag gerade los ist." (APA/red)