Im Norden Thailands sind "Langhälse" touristische Attraktion - Die Frauen aber leiden und wollen die Messingringe loswerden
Huay Pu Keng - Muko rinnt der Schweiß an ihrem Hals
herunter, doch die 15-Jährige kann ihn nicht abwischen. 15
Messingringe verhindern das - schwere Ringe, die um den Hals des
Mädchens liegen. Sie wiegen drei Kilogramm und gehören zum
traditionellen Schmuck der Karen, der die Frauen besonders schön
machen soll. Muko jammert: "Das ist so unangenehm".
Eine Frage des Einkommens
Wie viele andere Mädchen der ethnischen Minderheit aus Birma
möchte auch sie den lästigen Schmuck loswerden. Doch Muko lebt in dem
Dorf Huay Pu Keng im Norden Thailands, und viele Touristinnen und Touristen kommen
extra in die winzige Siedlung, um die "Langhälse" zu sehen. Sie sind
für Mukos Familie die einzige Einnahmequelle.
"Ich habe mit fünf Jahren die ersten Ringe bekommen. Seither trage
ich sie, 24 Stunden am Tag", sagt das junge Mädchen mit dem runden
Gesicht. Bis sie erwachsen ist, kommen immer weitere Ringe hin - bis
zu 25 Ringe und damit sechs Kilogramm wird sie schließlich am Hals
tragen. Schon jetzt hat Muko Schmerzen und möchte den Schmuck
abnehmen, aber ihre Mutter hindert sie: "Keine Ringe, kein Geld",
sagt sie. Muko arbeitet mit ihrer Mutter an einem kleinen
Souvenirstand, ihre Monatseinnahmen schwanken zwischen 500 und 3.000
Baht (10,74 bis 64,5 Euro). Ihr Leben will Muko damit nicht
verbringen, sie träumt davon, Lehrerin zu werden. Doch wie sie dies
schaffen soll, weiß sie nicht.
Schwerer Kampf um ein Leben ohne Ringe
Mukos Familie kam vor zwanzig Jahren auf der Flucht vor den
Kämpfen zwischen der burmanischen Armee und Karen-Rebellen in die
Bergregion, rund 900 Kilometer nördlich der Hauptstadt Bangkok.
Offiziell gilt Huay Pu Keng als Dorf, doch für die 200 Karen, die
einzigen EinwohnerInnen, ist es eher ein Flüchtlingslager. Sie leben
allein vom Tourismus - und damit von den Halsringen der Frauen. Das
macht den Kampf der Mädchen um ein normales Leben so schwierig.
"Ich will mich anziehen wie eine ganz normale Frau, aber meine
Mutter sagt, dann kann ich keine Souvenirs mehr verkaufen", klagt
auch Amy, eine 15-jährige Christin mit sonnengebleichtem
Pferdeschwanz. Viele ihrer Klassenkameradinnen hätten den lästigen
Schmuck entfernen lassen, der in keiner Fernsehshow und in keinem
Modemagazin Thailands zu sehen sei. Auf Thailands Straßen sind
"Langhälse" Exotinnen: "Ich war neulich mit meinen Freundinnen in der
Stadt, und sie haben mit Fingern auf uns gezeigt", klagt das Mädchen.
Krankmachende Tradition
Niemand weiß genau, wann der Brauch begann. Die 52 Jahre alte
Mayao erinnert sich, dass schon ihre Urgroßmutter die Halsringe trug.
Sie gelten als Schönheitsattribut, mit dem Frauen einen guten Ehemann
bekommen können - vergleichbar mit dem rund tausendjährigen Brauch in
China, jungen Mädchen die Füße abzubinden, damit sie klein bleiben.
Erst mit Maos Revolution 1949 wurde die Verkrüppelung der Füße
beendet.
Bei den Karen geht der Brauch weiter: Die Ringe verursachen nicht
nur ständigen Schmerz in Hals, Kopf und Schultern, sie drücken auch
Schultern und Schlüsselbein mehrere Zentimeter nach unten. Doch
anders als bei den verkrüppelten Füßen kehren Schultern und
Schlüsselbein wieder in die richtige Position zurück, wenn die Ringe
entfernt werden.
Schande
Diese müssen von einem Spezialisten/von einer Spezialistin abgenommen werden, eine
Operation, die 500 Baht kostet. Amy spart schon heimlich Geld, um
sich eines Tages von der Last zu befreien. Mayao kann das nicht
verstehen, für die 52-Jährige ist die Haltung der Mädchen eine
Schande. "Sie verachten unsere Tradition, die seit Generationen
aufrecht erhalten wird", sagt die kleine zierliche Frau und schüttelt
mit ihren 25 Ringen am schmächtigen Hals. "Ich fürchte, dass die
Bräuche der Karen aussterben." (APA)