Abwertung prägt Bilder alter Frauen in der Öffentlichkeit – wenn sie überhaupt auftauchen: Elisabeth Hellmichs Buch "forever young"
Aggression und Abwertung prägen die Bilder alter Frauen in der Öffentlichkeit – wenn diese überhaupt auftauchen, sagt Soziologin Hellmich in ihrem Buch "forever young". Gerlinde Pölsler hat es für
dieStandard.at gelesen - eine
Rezension.
Früher, in den Märchen, wurden die alten Frauen "verbrannt, erhängt, ertränkt, ... erschlagen, gefoltert, sie mussten sich tot tanzen oder wurden zu Tode geprügelt". Seit Jahrhunderten schon stehen sie für eine Verkörperung des Bösen, häufig traten sie in den Gestalten gefährlicher Schwieger- und Stiefmütter auf. Heute geht es etwas subtiler zu, doch die Sprache, die verwendet wird, wenn es um Alte und insbesondere um alte Frauen geht, enthält oft nach wie vor aggressive Aspekte. "Pest, Hunger und Krieg sind glücklich überwunden – nun sind die Alten da", schreibt "Die Zeit". Alte Frauen werden entweder als "Schwiegermonster" oder als lächerlich, dumm oder nutzlos hingestellt. Meistens aber werden Frauen ohnehin "aus der öffentlichen Wahrnehmung wie dem Fernsehen eliminiert, wenn sie 45 sind", wie Frank Schirrmacher, der Autor des Buches "Das Methusalem-Komplott", feststellt.
"Gefährliche Kreuzung"
In ihrem Buch "forever young? Die Unsichtbarkeit alter Frauen in der Gegenwartsgesellschaft" greift Elisabeth Hellmich ein brisantes Thema auf, das uns künftig noch zunehmend beschäftigen wird: Obwohl der Anteil alter Menschen und insbesondere alter Frauen an der Gesellschaft zunimmt, sind diese und ihre vielfältigen Lebensrealitäten in der Öffentlichkeit, in Medien und Werbung kaum präsent, ja finden sich gar kaum verhohlener Feindseligkeit gegenüber. Für alte Frauen ist dies noch in verschärftem Maße der Fall, da sie sich auf einer "gefährlichen Kreuzung" befinden, wo sich Sexismus und "Ageismus", Altersfeindlichkeit, treffen. Entstanden ist das Buch aus der Dissertation der 78-jährigen Soziologin Hellmich, die erst in der Pension zu studieren begonnen hat. Sie fasst darin sowohl aktuelle Altersdiskurse zusammen als auch analysiert sie Zeitschriften und Karikaturen.
"Zwischen Kompetenz und Defiziten", so beschreibt sie die beiden Pole der öffentlichen Diskussion. Alten Menschen werden alle möglichen Fähigkeiten abgesprochen, wichtig Hellmichs Hinweis darauf, dass "Testergebnisse, die die Defizite alter Menschen bestätigen, häufig durch die Testbedingungen beeinflusst sind" – schließlich verfügen die Generationen über sehr unterschiedliche Bildungsvoraussetzungen. Aber auch die neue Rede von den ewig jungen, aktiven Alten entlarvt die Autorin als altersfeindlich: Schließlich stehe dahinter die Frage, was denn die Alten der Gesellschaft noch bringen, und die Erwartung, möglichst lange möglichst reibungslos zu funktionieren, setze viele unter Druck. Schließlich weist sie auf die Altersfeindlichkeit in der Sprache hin, die sich einerseits in Bezeichnungen wie "Grufties" oder "Überalterung" äußern, aber auch in Beschönigungen wie "älter" und "3. Lebensphase". Als nicht zu vernachlässigenden Faktor, der zur Unsichtbarwerdung beiträgt, rückt Hellmich auch die Armut ins Licht, die ja wiederum alte Frauen in weit stärkerem Maße betrifft als ihre männlichen Altersgenossen.
Unter Feministinnen ist es nicht besser
Weiter führt Hellmich zu den Bildern alter Frauen im kollektiven Unbewussten: die alte Jungfer, die weise Alte, die böse Alte und die gute Großmutter. Eine wichtige Rolle spielt offenbar die Menopause als Zeichen des Endes der Gebärfähigkeit, was häufig als Nutzlos-Werden der Frau betrachtet wird. Als sehr zielführend erwiesen sich die Analysen von Karikaturen in Zeitungen und Zeitschriften: Die beschriebenen Stereotype wie Lächerlichkeit, Dummheit und Boshaftigkeit waren darin deutlich gezeichnet. Wobei das Böse aktuell wohl vor allem in Form von rücksichtslosem, als unverdient betrachteten Wohlstand thematisiert wird.
Etliche LeserInnen überraschen – und manche Hoffnungen zerstören – wird die Antwort auf eine weitere Frage, der Hellmich nachging: Ist es im feministischen Umfeld besser? Nimmt diese Szene alte Frauen eher wahr, und das auch weniger klischeehaft? Hellmich kann dies nur schlicht verneinen, nachdem sie Interviews mit älteren und alten Frauen aus der Szene geführt sowie einige feministische Zeitschriften analysiert hat. Auch dort wurde sie alter Frauen nur selten fündig, auch dort fand sie wenig Reflexion, dafür Abwertungen. Zwar huldigten Feministinnen einigen alten Heldinnen, deren Ausnahmeleben habe jedoch mit der Masse der Frauen nichts zu tun.
Mit ihrem leicht lesbaren Buch legt die Autorin den Finger auf tatsächlich schwer wiegende Diskriminierungen – liegt doch ein Keim der Gewalt darin, dass oft suggeriert wird, die Alten bedeuteten ohnehin nur eine Last und wären besser schon weg, statt dass die errungene Langlebigkeit positiv gewürdigt würde. Auch hat Hellmichs Analyse, wonach Frauen stärker von dieser Aggressivität getroffen seien, zweifellos volle Berechtigung. Als Leserin hätte man sich bloß noch etwas mehr davon gewünscht. Viele hoch interessante Aspekte werden relativ kurz abgehandelt. Und beim Abklopfen der feministischen Szene auf das Vorkommen alter Frauen hätte sich noch angeboten, auch die Buchneuerscheinungen der letzten Jahre zu sichten. Das Buch ist fast zu schnell gelesen – was gleichzeitig darauf hinweist, wie flott es geschrieben und wie gut das Thema getroffen ist. (Gerlinde Pölsler)