"Bikini-Krieg" in Istanbul

Redaktion, 14. Juni 2007 11:15

Türkische Bademodefirmen klagen über islamistische Zensur in der Werbung

Istanbul - "Sind wir hier in Iran?" Zeki Baseskioglu ist außer sich. Der Chef der türkischen Bikini-Firma Zeki sieht sich als Opfer von Zensur und islamistischer Zwangsherrschaft: Die Stadtverwaltung von Istanbul verhindere aus Rücksicht auf ihre fromm-konservative Klientel, dass Bilder von Models mit knappen Badeanzügen und viel nackter Haut auf Reklametafeln in der Metropole gezeigt würden, klagen UnternehmerInnen wie Baseskioglu. Wie eine Art Sittenpolizei sollen städtische Beamte einige Geschäftsinhaber sogar gezwungen haben, Bikini-Fotos aus ihren Schaufenstern zu entfernen. Von einem "Bikini-Krieg" ist in der Boulevardpresse schon die Rede. Dass dieser Krieg ausgerechnet jetzt ausbricht, ist kein Zufall. Schließlich steht nicht nur der Wahlkampf, sondern auch der Sommer vor der Tür, und Unternehmer wie Baseskioglu wollen möglichst vielen Menschen ihre neuen Entwürfe zeigen. Doch die Istanbuler Stadtregierung mache ihnen das Leben schwer, klagen sie. Istanbul wird von der AKP regiert, der Partei des frommen Moslems und Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan.

Anträge abgewiesen, schleppende Bearbeitung

Glaubt man den Bikini-Firmen, hat die AKP in Istanbul schon vor Jahren einen Heiligen Krieg gegen aufreizende Schwimmtextilien ausgerufen. Mal würden Anträge auf Bikini-Poster abgewiesen, mal werde die Bearbeitung bis zum Ende der Badesaison verschleppt, so dass sich das Problem von selbst erledige. In dieser Saison fragten einige Firmen informell bei den zuständigen Stadtbeamten an, ob ein möglicher neuer Antrag Aussicht auf Erfolg haben würde. Nein, kam die Antwort. Alles gehe mit rechten Dingen zu, verteidigt sich die Stadtverwaltung. Zumindest in einigen Fällen wurden Schwimmposter tatsächlich genehmigt. Bürgermeister Kadir Topbas, der vom "Bikini-Krieg" während einer Auslandsreise überrascht wurde, ließ erklären, es gebe kein Bikini-Verbot. Lediglich die großflächige Werbung für die besonders freizügigen Tanga-Modelle sei unerwünscht. Der AKP-Politiker legte sogar ein Bekenntnis zum knappen Badeanzug ab: Wenn er gegen Bikinis wäre, hätte er als Bürgermeister wohl kaum so viele neue Badestrände eröffnet, betonte Topbas.

Frage der Moral

Die geltenden Vorschriften verbieten die öffentliche Präsentation von Bildern, die grausam und herabwürdigend sind - oder die gegen die "Regeln der allgemeinen Moral" verstoßen. Was die "allgemeine Moral" verbietet oder erlaubt, ist aber umstritten. In einem Fall sollen Werbebilder mit dem prominenten Model Kate Moss beanstandet worden sein, obwohl Moss auf den Fotos lediglich Bein zeigte. Selbst an den Außenwänden ihrer eigenen Büro- und Fabrikgebäude durften einige Firmen keine Poster ihrer neuen Modelle aufhängen.

Ablenkung - gar Gefahr

Beamtinnen und Beamte der Stadtverwaltung verweisen auf Beschwerden von Bürgerinnen und Bürgern gegen die Bikini-Poster. Die meisten Einsprüche würden damit begründet, dass die Bikini-Mädchen auf den Billboards viele Unfälle auslösen, weil Autofahrer auf die Models statt auf den Verkehr achten. Die Sorge um die Verkehrssicherheit ist aber offenbar nicht das einzige Motiv. Selbst aus Schaufenstern, die längst nicht so sehr im Blickfeld von Autofahrern sind wie Werbeplakate am Straßenrand, mussten Bikini-Bilder entfernt werden. Der Istanbuler Bikini-Streit könnte leicht zu einem Thema im gerade angelaufenen Parlamentswahlkampf werden. In den vergangenen Wochen hatten Millionen von Türken bei Großdemonstrationen gegen eine Islamisierung des Landes protestiert. Dabei wurden unter anderem Versuche von AKP-Regionalpolitikern beklagt, Alkoholverbote durchzusetzen. Jetzt könnten die Bikinis dazukommen - das kann Erdogan, der seine Partei als modern und pragmatisch bezeichnet, überhaupt nicht recht sein.

Justiz-Thema

Zeitungsberichten zufolge interessiert sich inzwischen auch die Justiz für die Bikini-Zensur. Die AKP-Führung in Ankara wolle sich deshalb jetzt des Themas annehmen. Den Unternehmer Zeki Baseskioglu kann die AKP mit einer Überprüfung der Reklame-Regeln nicht mehr milde stimmen. Da er keine Bikini-Mädchen zeigen darf, hat sich der Firmenchef zu einer neuen Werbestrategie entschlossen, mit der er die Zensur der frommen Stadtbehörden aufs Korn nehmen will: Statt Bikinis sollen große Poster knackige Melanzani und Salatgurken zeigen - in eindeutig phallischer Darstellung. (APA)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 50
1 2
an kog
24.05.2007 09:41
Mit Gemüse-Phalli gegen Islamisten. Bravo!



.........0000
....... o0000o
........o0000o
.........dHHb
.........dHHb
.........dHHb
.........dHHb
.........dHHb
.........dHHb
.........dHHb
.........dHHb
....000dHHb000
...0000dHHb0000
..o0000dHHb0000o
...0000dHHb0000
....000dHHb000

bor
24.05.2007 09:56

Getroffen, ein brillant von mir!

BTW: Haben Sie da rechts eine Warze?

an kog
24.05.2007 11:39

Das ist eine Bassgitarre und die vermeintliche Warze der Stecker.

Oder was sehen Sie in dem Bild?

bor
09.06.2007 17:45

Sieht aus wie eine Nase, von vorne.

nemo sander
24.05.2007 04:30
wenn weiterhin keine halbnakten

frauen auf plakaten zugelassen werden (ein ziel richtung gendergerechtigkeit?), dann sollte man die türkei aus der nato ausschließen und eventuell einen einmarsch planen, das ist ja die reinste barbarei ohne palmers-plakate oder was auch immer.

trainman
23.05.2007 19:17
mir taugt das immer

da versuchen sie uns immer reinzudrücken, wie weltoffen die türkei doch ist und vor allem auch einwanderer aus diesem land.

dann kannst dort nicht einmal ein bikini-plakat aufhängen, ohne dort eine stadt-krise auszulösen.

die akp mag eine ungute islamisten-gruppierung sein, aber sie hat eine satte mehrheit. also hat sie genug wähler, die dieses gedankengut schätzen.

was in asien ist, sollte man in asien lassen

Kantinenessen
23.05.2007 16:26
Na wirklich, können die keine Burkinis plakatieren?

Diversion
23.05.2007 16:17
:)

"Statt Bikinis sollen große Poster knackige Melanzani und Salatgurken zeigen - in eindeutig phallischer Darstellung"

na darauf bin ich aber gespannt!

Diona007
23.05.2007 14:01
Gefährdung der Verkehrssicherheit? Ich lach mich schlapp!

Lebe seit drei Monaten in Istanbul und was den Autoverkehr anbelangt, glaube ich nicht, dass irgendwas diesen noch gefährlicher machen könnte.
Auf einer dreispurigen Schnellstrasse kommt einem ein Mororradfahrer entgegen, der Taxifahrer fährt rückwärts (!) in einen Kreisel (mehrspurig) um einen Stau zu umfahren, Geschwindigkeitsbegrenzungen haben eher schmückenden Charakter - die Liste liesse sich lange fortsetzen.
Wobei ich als Frau und Österreicherin allerdings auch der Meinung bin, dass man nicht an jeder Ecke großformatige Bilder halbnackte Frauen aufhängen muss. Da mich das (ganz ohne religiöse Verbohrtheit) stört, vermeide ich eben den Kauf solcherart beworbener Produkte.

bixente uhudla
 
23.05.2007 20:03

also wenn man bademode oder unterwäsche mit bildern von menschen bewirbt die dies auch tragen,kann ich daran nichts moralisch verwerfliches finden...

chain
23.05.2007 15:01
Es handelt sich um Bademode, die tragen Sie doch sicherlich auch als Österreicherin und Frau, oder?

War Ihnen Österreich nicht konservativ genug? Na dann haben Sie sich ja das richtige Land ausgesucht.

Rote Zecke
23.05.2007 15:43
Richtig. Es handelt sich um Bademode.

Die normalerweise an Badestränden oder in Bädern getragen wird - nicht in der Stadt und nicht im Straßenverkehr. O.k.?

an kog
24.05.2007 09:32

und Damenhygieneartikel werden auch nicht öffentlich getragen und dennoch öffentlich beworben. Weg mit der OB Werbung!

ein Sparbuch eröffne ich auch nur in einer Bank und nicht auf der Straße, also weg mit Bakenwerbung!

waschen tu ich zuhause! Keine Waschmittelwerbung mehr in der Öffentlichkeit!



Rote Zecke
24.05.2007 09:39
Es geht aber nicht um Werbung _für_ Bikinis, sondern um Werbung mit Frauen _in_ Bikinis.

sixela
29.05.2007 13:31

und wer ausser Frauen soll die Bikinis tragen? Vielleicht schwule Mullahs?

Rote Zecke
29.05.2007 14:17
Warum nicht? Wenn sie doch die Frauen lieber verschleiert sehen ...

insertnamehere
 
24.05.2007 10:10
Sicher?

Also für mich liest sich der Artikel schon so, als ob Werbung FÜR Bikinis verboten wär... Ich mein, "Der Chef der türkischen Bikini-Firma Zeki sieht sich als Opfer von Zensur und islamistischer Zwangsherrschaft: Die Stadtverwaltung von Istanbul verhindere aus Rücksicht auf ihre fromm-konservative Klientel, dass Bilder von Models mit knappen Badeanzügen und viel nackter Haut auf Reklametafeln in der Metropole gezeigt würden, klagen UnternehmerInnen wie Baseskioglu."

Das liest sich aber schon so, nicht wahr?`

Abgesehen davon fänd ichs auch höchst bedenklich, wenn man die Darstellung von Bikini-tragenden Frauen auch in anderen Zusammenhängen verbieten würd...

an kog
24.05.2007 09:44

Frauen_tragen_nun mal Bikinis.

Rote Zecke
24.05.2007 09:45
Dauernd und überall?

insertnamehere
 
24.05.2007 10:15
Man trägt überhaupt nichts dauernd und überall!

Ich zumindest nicht. Ich hoffe, dass auch meine Mitmenschen hie und da die Wäsch wechseln.

Wenn wir nach dauernd und überall gingen, müsst ma fairerweise nur mehr lauter Nackte abbilden - aus seiner tatsächlich dauernd und überall getragenen Haut kann nämlich wirklich niemand. ;-)

bor
24.05.2007 09:54

Wie ist das mit Werbung für Monatshygiene?

Rote Zecke
24.05.2007 10:49
"Die Geschichte der Menstruation ist eine Geschichte voller Missverständnisse"

bor
09.06.2007 17:46

Verstehe.

an kog
24.05.2007 09:53

Menschen eröffnen auch nicht dauernd und überall ein Konto, sie waschen auch nicht dauernd und überall ihre Kleidung, Menschen duschen auch nicht dauernd und überall, Menschen fahren auch nicht dauernd und überall mit dem Auto, nicht einmal Damanhygieneartikel werden dauernd und überall verwendet.

Aber:
In Saudi Arabien ist Werbung mit Frauen dauernd und überall verboten.

insertnamehere
 
23.05.2007 18:37
Ahem.

Bewerben darf man sie aber schon noch auch in der Stadt, oder?

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 50
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.