Frauen gelten in Afghanistan immer noch als Ware: "Bezahlung" mit weiblichen Verwandten ist illegal, dennoch Usus
Masar-i-Scharif - Schabana ist ein hübsches Mädchen. Mit
ihrem modernen Haarschnitt und in Jeans sieht die 14-Jährige aus wie
ein ganz normaler Teenager. Doch der Schein trügt: Die junge Afghanin
ist seit zwei Jahren gegen ihren Willen mit einem 38 Jahre älteren
Mann verheiratet, dem sie ein Haus sauber hält, für das er sich keine
Türen leisten kann. Schabana, die als Zweitfrau ein trübes Dasein
fristet und nicht mehr zur Schule gehen darf, wurde von ihrem Vater
zum Begleichen einer Spielschuld verschachert. 600 US-Dollar war ihr
Leben wert. Frauen gelten in Afghanistan immer noch als Ware,
bedauert ein Mitarbeiter des Frauenministeriums in Kabul.
Wut auf den Vater
Der Ehemann des jungen Mädchens ist ein 52 Jahre alter Bauer
namens Mohammad Asef. "Er ist ein Wilder, er hat alle meine
Hoffnungen zerstört", sagt Schabana, sobald ihr Mann aus dem Zimmer
gegangen ist, um zu telefonieren. Sie muss sich um die armselige
Lehmhütte in der nordafghanischen Provinz Balch kümmern. Die größte
Wut hegt sie gegen ihren Vater: "Der hat mich verkauft", sagt das
Mädchen. Ihr Vater hatte gemeinsam mit Asef Weizen und Opium
angebaut. Vor zwei Jahren war ihr Vater mit der Ernte nach
Masar-i-Scharif gefahren und kam ohne einen Heller zurück. "Er hatte
die ganze Ernte verspielt", sagt Asef. "Er schuldete mir 600 Dollar
und ich wusste, dass er die nie aufbringen kann. Also habe ich seine
Tochter bekommen."
Kinder müssen heiraten
Schabanas Schicksal ist kein Einzelfall, obwohl die "Bezahlung"
von Schulden mit Mädchen und Frauen illegal ist. Genaue Statistiken
gibt es zu diesen Praktiken nicht, aber die wenigen vorliegenden
Zahlen lassen Schlimmes ahnen. Dem Frauenministerium zufolge werden
57 Prozent der jungen Mädchen vor ihrem 16. Geburtstag verheiratet.
Zwischen 60 und 80 Prozent aller Eheschließungen im Lande seien
vermutlich Zwangshochzeiten, sagt die afghanische
Menschenrechtskommission. Die Mädchen würden häufig zum Begleichen
einer Schuld des Vaters oder des Bruders zwangsvermählt.
Aus Brauch entsteht Teufelskreis
Eine junge Ehefrau ist in Afghanistan traditionell bares Geld
wert: Der Bräutigam muss der Familie des Mädchens eine vereinbarte
Summe bezahlen und eine opulente Hochzeitsfeier finanzieren. In Kabul
kann ein solches Fest bis zu 3.000 Euro kosten - in einem Land, in
dem ein kleiner Beamter rund 45 Euro im Monat verdient. Aus diesem
Brauch entsteht ein Teufelskreis: Um sich eine Braut für ihre Söhne
leisten zu können, verkaufen Väter ihre Töchter, oder Brüder ihre
Schwestern.
So auch Abdul Rahim, der in der Provinz Balch darauf wartet, seine
zwölfjährige Schwester an den Mann zu bringen, um endlich seine
Freundin heiraten zu können. Für das Mädchen seines Herzens will
deren Familie umgerechnet 4.500 Euro kassieren. Mit seinem schlecht
bezahlten Job als Putzkraft auf einer Polizeiwache in Masar hat Rahim
zwar schon umgerechnet 1.500 Euro zusammengespart - doch das ist
lange nicht genug, um seinen Traum zu verwirklichen. Sollte es ihm
aber gelingen, seine kleine Schwester zu verkaufen, "dann kann ich
meine Freundin heiraten", erzählte er.
"Das machen alle so"
Der 31 Jahre alte Aka Rahman hat das schon hinter sich: Er zahlte
umgerechnet 10.000 Euro für seine Frau. Jetzt hat er einen Sohn und
hofft inständig, dass er noch eine Tochter bekommt. "Wenn ich keine
Tochter verheiraten kann, dann kann ich meinem Sohn keine Hochzeit
bezahlen. Das machen alle so." Der Rechtsexperte Sajed Abdul Wahab
Rahmani vom Frauenministerium spricht von einem "un-islamischen"
Glauben, dass Frauen das Eigentum der Männer seien. "Sie glauben, die
Frauen seien ihr Besitz und sie könnten mit ihnen handeln, wie es
ihnen passt. Das sitzt fest in den Köpfen der Menschen. Es wird eine
Weile dauern, bis sich das ändert." (APA)