Alice Schwarzers "Antwort": "Sich mal unbeliebt machen"

Redaktion, 30. Mai 2007 13:03
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    Foto: APA/dpa/Arno Burgi
    "Die Antwort": In zwölf Essays bespricht Alice Schwarzer, die als Autorin und Aktivistin seit dem Aufbruch der Frauen Anfang der 70er Jahre den Diskurs und die Praxis der Emanzipation in Deutschland prägt, Themenbereiche von Prostitution bis Pornografie, Hungersucht und Frauen-Fallen am Arbeitsplatz.

Wenn die Frauen nicht am Ball bleiben, droht der emanzipatorische Rückfall, proklamiert die Frauenrechtlerin in ihrem neuen Buch

Köln/Berlin - Die kleine Alice wuchs vor mehr als 60 Jahren in einer Familie auf, "in der Frauen, Mutter und Großmutter, wenig Talent zur Mütterlichkeit an den Tag legten". Doch das Kind - noch im Windelalter - hatte Glück: Der junge Großvater "interessierte sich leidenschaftlich fürs Füttern, Wickeln, Aufziehen dieses kleinen Mädchens, das ihm da in sein Haus gepurzelt war". Aus der kleinen Alice ist die bekannteste deutsche Frauenrechtlerin Alice Schwarzer geworden, inzwischen 64 Jahre alt. In ihrem neuen Buch "Die Antwort" erklärt sie rückblickend: "Kein Wunder also, dass ich die Sache mit den Müttern, die als solche geboren sein sollen, und den Vätern, die zwei linke Hände haben, nie wirklich ganz verstanden habe."

In dem jüngsten Titel der Kölner Autorin und Publizistin, den sie am Mittwoch in Berlin vorstellte, ermutigt Schwarzer die Frauen, bei allen in den vergangenen Jahrzehnten erkämpften Errungenschaften nicht locker zu lassen. Die noch junge Emanzipation sei noch nicht gesichert. "Schließlich ist alles sehr schnell gegangen, für manche zu schnell. Innerhalb von 50 Jahren - ein Wimpernschlag der Geschichte! - wurden 5000 Jahre verbrieftes Patriarchat gestürzt, zumindest auf dem Papier", schreibt die einst als "Männerschreck" und "frustrierte Tucke" beschimpfte Feministin. Die Emanzipation setzt nun zum zweiten Sprung an, wenn die Frauen nun nicht am Ball bleiben, droht der Rückfall, heißt es in "Die Antwort".

Beunruhigungen

In zwölf Essays attackiert die Frauenrechtlerin - inzwischen dekoriert mit Auszeichnungen und bei 80 Prozent der Bevölkerung bekannt - Prostitution und Pornografie, die "epidemische Ausmaße" angenommen habe. Zwei von drei Männern seien Freier, behauptet Schwarzer. Bei der Pornografie - mit Bildern der Erniedrigung und Gewalt gegen Frauen - sei Deutschland der weltweit zweitgrößte Markt nach den USA. Schwarzer sieht verheerende Folgen: "PädagogInnen berichten heute von sechsjährigen Jungs, die Vergewaltigung spielen, und elfjährigen Mädchen, die beunruhigt sind, weil sie noch keinen Sex hatten. Das ist kaum noch aufzuhalten", schreibt die 64-Jährige.

Frauen-Fallen

Auch die Hungersucht als "Sucht Nr. 1 der Frauen in der gesamten westlichen Welt" prangert Schwarzer an. Im Land des Überflusses verhungerten Mädchen und Frauen, Top-Models ernährten sich von Salatblättern und Kokain. Den Garaus will sie auch hartnäckigen Vorurteilen - Frauen sind geschwätzig & orientierungslos, Männer aggressiv & rational - machen, für die es keine Beweise gebe. "Selbst vom Steinzeitjäger und seiner Beerensammlerin müssen wir uns wohl verabschieden." Eine zu lange Erziehungszeit und Teilzeit sind für Schwarzer "Frauen-Fallen", da so manche nicht an ihren Arbeitsplatz zurückkehre oder bei Gehalt und Aufstiegschancen zurückfalle.

Altbekannte Ansichten

Eindringlich warnt das Buch vor dem Versuch einer islamistischen Unterwanderung des deutschen Rechts- und Bildungssystems. Im Kopftuch sieht Schwarzer "die Flagge der Islamisten". Es werde vor allem von den zum Islam übergetretenen Konvertitinnen und Konvertiten in Deutschland "militant" durchgesetzt. Aber nicht alle "Antworten" sind wirklich neu: Bei Pornografie, Diätwahn oder beim fundamentalistischen Islam erinnern einige Passage stark an Schwarzers Vorgänger-Titel "Der große Unterschied" (2000) und "Alice im Männerland (2002). Beim Thema Abtreibung wiederholt sie ihre Meinung, dass nicht das Volk, sondern der Vatikan ("die Vatikan-Connection") in Deutschland entscheide.

Wagnis, nicht lieb zu sein

"Mehr Tempo, mehr Druck und taffer" - scheint Schwarzer ihren Geschlechtsgenossinnen zuzurufen, angesichts von "Trippelschritten" bei der "inneren Emanzipation". Frau müsse auch riskieren, nicht als weiblich zu gelten und nicht von den Männern geliebt zu werden, meint die Galionsfigur des deutschen Feminismus. Die weibliche Welt müsse lernen, "sich mal unbeliebt zu machen", rät Schwarzer - und da weiß die streitbare Feministin aus eigener Erfahrung genau, wovon sie spricht. (APA/dpa)

Alice Schwarzer "Die Antwort", Kiepenheuer & Witsch, Köln; 208 S., Euro 17,40; ISBN 978-3-4620-3773-9
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Posting 1 bis 25 von 166
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dieausserirdische
02.06.2007 08:47
ganz richtig:

"[...]wenn die Frauen nun nicht am Ball bleiben, droht der Rückfall, [...]"
solche Rückfälle gehen schneller vonstatten als man sich vorstellen mag, darum ist Vorsicht und Umsicht angebracht und sensible Aufmerksamkeit geboten.

jumpingjack flash
01.06.2007 15:25

ad bor - also dieser link - dieser tag ist ein schöner tag! :-)

bor
 
02.06.2007 09:18

Haben naturgemäß viele der seriösen Medien gebracht: tinyurl.com/ytnay2, tinyurl.com/3de76n

der schönste mann v. wien
 
02.06.2007 18:09
erstaunlich aber nicht wirklich überraschend.

die rote baronin
02.06.2007 13:37

IQ-Tests sind absoluter Müll. Man kann Intelligenz nicht messen.

Cassius
04.06.2007 16:51

Sind sie nicht. Ein IQ von 120 ist nicht mit der genauigkeit einer Geschwindigkeitsangabe von 120 gleichzusetzen, aber im groben funktionieren sie sehr gut und bis jetzt hat sich noch niemand mit einem IQ von 70 als Genie entpuppt.
Fährerweise könnte man sagen, das Iq tests dem männlichen aspekt der Intelligenz messen, für emotional Intelligenz gibt es leider nicht so viele einsatzmöglichkeiten.

die rote baronin
04.06.2007 20:27
Sind sie doch.

Argumentieren kann ich leider nicht, denn das kommt nicht an.

bor
04.06.2007 14:31

Unter- und oberhalb eines IQ-Wertes stimmt das sogar.

saphir
31.05.2007 20:07
Rentenanspruch

Die Altersrente ist ein Generationenvertrag, besteht aus 4 Teilen - 2xzahlen, 2x bekommen - nur wer 2x zahlt, erfüllt den Generationenvertrag und hat auch einen moralischen Anspruch auf 2x bekommen. Und das sieht so aus:
Kind: bekommt (wird von den Eltern erhalten)
Erwachsener zahlt (erhält Kinder)
Erwachsener zahlt (erhält die alten Eltern)
Alter Mensch bekommt (lässt sich von den Kindern erhalten).
Mit der Einzahlung in das Rentensystem erfüllt man nur seine Pflicht die Eltern zu erhalten, dafür dass man selbst als Kind erhalten wurde.
Erst dadurch, dass man Kinder aufzieht, erwirbt man den moralischen Anspruch auf eigene Rente.
Wer keine Kinder aufzieht, der hat genug um für das eigene Alter zu sparen.

MarioV
02.06.2007 10:11

Dann müssten aber jene die keine Eltern haben die gerade Pension beziehen von der Beitragspflicht befreit werden. Dies sind z.B. beinahe alle Ausländer. Umgekehrt dürfte ein alter Mensch dessen Kinder arbeitslos oder tot sind keine Pension bekommen. Außerdem müssten dann Kinderlose davon befreit werden Steuer zu zahlen mit denen Familienbeihilfe und Schulen finanziert werden.
Wir leben in einem Solidarsystem. Und wenn man anfängt dieses aufzubrechen, dann wird es irgendwann komplett aufhören zu existieren.

Häuptling Silberlocke
02.06.2007 10:28

brillantes Posting

guggi102
01.06.2007 07:05

Stimmt genau, die Rechnung. Aber nur, wenn jeder Erwachsene den Großteil seines arbeitsfähigen Lebens berufstätig ist und Geld erwirtschaftet - und Steuern zahlt.

Also: nur, wer Kinder aufzieht UND arbeiten geht, erfüllt seine gesamte Verpflichtung.

saphir
31.05.2007 10:41
Mut

Heute gehört schon sehr viel Mut dazu, zu sagen: Ich will mein Kind selbst nach meiner eigenen Vorstellung erziehen. Mir gefällt diese Aufgabe.
Heute hat frau Karriere zu machen. Selbst die Arbeit am Fließband hat frau als interessanter und erstrebenswerter zu betrachten als die vielseitige Arbeit der Familienbetreuerin.
Emanzipiert sind Frauen wirklich erst dann, wenn die Tätigkeit der Betreuung der eigenen Kinder einem Beruf gleichgestellt wird, bezahlt wird und als wertvolle Bereicherung im Lebenslauf gewertet wird.

guggi102
31.05.2007 15:19

Das ist eine lachhafte Vorstellung.

Jetzt muß die sich immer mehr verringernde erwerbstätige Bevölkerung schon einen zunehmenden Überhang von Pensionisten erhalten, sodaß schon die Sicherheit der Pensionen in Frage steht -
und dann soll noch fast die Hälfte der Steuerzahler ausfallen, weil die auf Restlebenszeit zum Kinderhüten daheimbleiben müssen? Wie stellen Sie sich das vor?
Soll ein Viertel der Bevölkerung die restlichen drei Viertel (Pensionisten, Kinder, Mütter) erhalten?

Drei Jahre mit staatlicher Unterstützung daheimbleiben ist schön und gut, aber mehr ist ein unleistbarer volkswirtschaftlicher Luxus.

die rote baronin
31.05.2007 20:07

Es können auch Väter zuhause bleiben (wird bei den meisten Postings hier wohl übersehen). Ausserdem sind Kinder auch ein gesellschaftlicher Faktor für den der Staat sowieso aufkommen muss. Und die erwerbstätgie Bevölkerung verringert sich nicht dadurch, dass immer mehr Eltern einfach nicht arbeiten gehen, sondern weil es keine Jobs gibt.

Kosmos 100001
31.05.2007 14:15
Teil1: Schön, wenn eine Frau das will, braucht Sie dazu den passenden Partner auf Lebenszeit, da sie ihr ganzes Leben auf ihn angewiesen ist. Ist er ein passender Partner, dann schätzt er ihre Tätigkeit,

bringt das Geld für beide nach Hause, betrachtet sie aber nicht als Dienstmagd, sondern als seine Frau, erwartet kein Danke und kein Bitte. Es muss also für ihn eine Selbstverständlichkeit sein, diese Anforderungen zu erfüllen, ohne zu meckern, schon gar nicht darf er sich einbilden, der wichtigere zu sein oder über sie bestimmen zu dürfen, sonst zerbricht es. Anm.: Das Ganze muss auf Lebenszeit funktionieren (-ohne Witz, es gibt Paare die das haben). Funktioniert es nicht, zerbricht es, sie steht ohne Absicherung da, zerbricht es später, ist es fast noch schlimmer, da es im Alter immer schwieriger wird, eine höhere Ausbildung zu machen und einen Job zu finden.Die Unabhängigkeit der Frau ist aber nicht nur Alterssicherung, sondern

Zechenkaas
17.06.2007 18:53

Ist aber nicht ernst gemeint, hoffe ich?

Kosmos 100001
31.05.2007 14:19
Teil2: Mitgestaltung der Gesellschaft, der Lebensrealität, da sie in allen Etagen zu finden sind, das ist sehr wichtig. Die zahllosen Schicksale der Frauen, die auf Grund der Einstellung „Ehe gut, alles gut“

sich nach einer Scheidung in einer schrecklichen Situation gefunden haben, da sie samt Kindern alles schaffen mussten: Ausbildung nachholen oder wiederaufbessern, Job, Wohnung, Freunde finden, Bürgschaftsschulden mit niederem Einkommen zahlen, das alles zwischen Kindergarten, Schulaufgaben, usw. usf. sprechen Bände und haben die Unabhängigkeit zum Knackpunkt der Frauenarbeit gemacht. Lieber Beides, blöder Mann kriegt A****Tritt, braver Mann darf bleiben. Außerdem gibt es auch Frauen, die sich grundsätzlich mehr ein Leben mit anderen Idealen vorstellen. Allerdings hat noch jeder Karriereverrückteste Mann sowie Frau irgendwann gesagt, ich will ein Heim, ein/e Frau/Mann und Kinder. Das lässt sich auch vereinbaren, wo ein Wille da ein Weg.

spamhunter
31.05.2007 11:06
wo lesen Sie hier heraus, dass es Frauen nicht

auch gegönnt sei, sich von einem Mann aushalten zu lassen? Vielleicht können sie es sich sogar selbst leisten, wenn Sie reiche Eltern hatten. Es ist immer eine persönliche Entscheidung, wie abhängig frau sich von anderen machen möchte, aber bitte bitte bitte nicht dann mit 50 oder 60 weinend angelaufen kommen und erklären, alle anderen muessten jetzt dafuer bezahlen, dass frau sich eine gemuetliche heimelige Atmosphäre gewuenscht hat. Auch KuenstlerInnen, die sich nur auf die Kunst konzentrieren muessen damit leben, dass sie eben dann kein Geld zur Verfuegung haben, wenn sich ihre Kunst nicht verkauft.

saphir
31.05.2007 11:26
Altersversorgung für Mütter

Als wir noch keinen Sozialstaat hatten, versorgten die Eltern ihre Kinder und wenn die Eltern nicht mehr Arbeiten konnten versorgten die Kinder ihre Eltern. Je mehr Kinder die Eltern hatten, umso mehr mussten sie investieren, umso mehr konnten sie aber auch mit einer gesicherten Altersversorgung rechnen.
Dann kam der Staat und sagte: Gebt mir das Geld, das für die Altersversorgung eurer Eltern gedacht ist. Ich verteile das viel gerechter und sozialer. Und alle durften sich aus diesem Topf bedienen. Wer keine Kinder hatte, sogar doppelt. Und siehe da, den Müttern, die den größten Beitrag für die Existenz der Beitragszahler geleistet hatten, sagte man einfach: Für euch reicht das Geld nicht mehr. Ihr tut uns ja so leid.

berta brecht
31.05.2007 12:09

dieses system geht an der realität vorbei, weil nun einmal nicht alle eltern oder alle kinder, gesund, großzügig, liebenwert,...sind.

metall81
31.05.2007 11:47
Yep. Genaugenommen war die Pension immer...

...als eine Art Versicherung gegen Kinderlosigkeit gedacht. Freiwillige Kinderlosigkeit ist also strenggenommen Versicherungsbetrug. Die Schieflage kann eigentlich nur aufgehoben werden, indem die Elternschaft kostendeckend vergolten wird.

Tethys
31.05.2007 15:31

"Freiwillige Kinderlosigkeit". Aha. Freiwillig, soso. Na das kann man jetzt aber verschiedenartig auslegen, das kleine Wörtchen "freiwillig". Kind und Karriere ist für Frauen immer noch schwer zu vereinbaren. Warum sollten auch immer Frauen wegen der Kinder auf ihre Karriere verzichten? Mann und Frau studieren (bis Mitte, Ende zwanzig), danach gibt es leider nur Praktikumsstellen (unbezahlt, befristet, unsicher), dann - mit Anfang, Mitte dreißig kommt ein guter Job, den will man nicht gleich wieder aufgeben müssen. Kinder, ja klar, aber wann? Arbeitende zahlen sehr wohl in das Pensionssystem ein - aber leider ist es gerade die Generation, die selbst nichts mehr von ihrer Pension haben wird, also muss zusätzlich privat vorgesorgt werden.Tja.

metall81
31.05.2007 15:49
Vielleicht ist es Ihnen bislang entgangen,...

...aber nicht jede Frau in Ö (und auch nicht jeder Mann) hat einen tollen "Selbstverwirklichungsjob" bei dem Sie sich schon im Kindbett aufs Zurückkehren freut. Aber darum geht's hier gar nicht. Niemand soll auf Karriere verzichten müssen, niemand soll auf's Elternsein verzichten müssen und niemand soll überproportional ins Pensionssystem einzahlen müssen. DAS ist Wahlfreiheit.

Sie können es drehen und wenden wie Sie wollen, es existiert zurzeit eine Schieflage, die beseitigt gehört. Ob durch Familienpolitik, Zuwanderung oder Teilkapitaldeckung der Pensionen oder aus einer Kombinationaus allen Dreien.

Tethys
31.05.2007 16:00

Schieflage gibt es auf beiden Seiten. Beide gehören beseitigt, aber mit sachlichen Argumenten - ohne Totschlägerargumente und Verallgemeinerungen.

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