Petra Schönbacher hat sich auf die Spur matriarchalen Urwissens in russischen Märchen begeben - ein Buchtipp
Alte russische Frauen(zauber)welten lässt Petra Schönbacher in ihrem Buch "Das Feuer der Baba-Jaga" wieder neu erstehen. Sie analysiert die Märchen, entwickelt neue Theorien und holt sie damit in unsere patriarchale Lebensrealität. Die Freude an den erstaunlichen Erzählungen und klassischen Matriarchatstheorien schmälern jedoch kleine Fehler:
Es fehlt der klare, umfassende Blick von Marie König, eine der großen Forscherinnen aus dem vorigen Jahrhundert. Jenseits diverser Fruchtbarkeitsmythen erforschte Marie König die vielen Symbole der Altsteinzeitlichen Höhlenmalereien und entdeckte eine universale Bildersprache, welche die komplexe Welt der Menschen vor 30.000 Jahren plausibel zu erklären vermag.
Die Autorin bezieht sich in ihren Analysen zumeist auf die Matriarchatsforschung von Heide Göttner-Abendroth und bleibt dadurch in dem Frau/Mann-Beziehungsmodell verhaftet. Somit fließt auch Gabriele Meixners Werk "Frauenpaare" leider nicht ein, wodurch die alten Frauenwelten niemals aus der Sicht von Doppelgöttinnen und Doppelköniginnen wiedererstehen. Zudem bleibt Schönbacher in den veralteten Thesen der "schamanistischen Praktiken" verfangen. Jede religiöse, spirituelle, aber auch alltägliche Handlung wird dem Thema "Fruchtbarkeit" zugeordnet und in jeder Geschichte sieht sie den Ablauf eines schamanistischen Rituals.
Entführung und Erschaudern
Dennoch: In "Das Feuer der Baba-Jaga" spinnt Schönbacher die Leserin ein, entführt sie mit Vasilisa, der Wunderbaren in das Frauenreich der Baba–Jaga, lässt sie erschauern vor den Knochenzäunen einer magisch-mythischen Anderswelt, bezaubert mit "Elena der Allweisen", bringt sie in das Mädchenreich der Zar-Jungfrau, die mit 30 Wahlschwestern u.a. auch den Staat regiert - und viele Mythen und Erzählungen mehr. Einblicke in das Leben matriarchal lebender Menschen heute und Ausblicke auf die aktuelle Matriarchatsforschung ergänzen den Band.
"Sämtliche Wissenschaften basieren auf dem Weltbild des Patriarchats. Die Matriarchatsforschung stellt nun die lange tradierten Grundannahmen dieses Wissenschaftssystems in Frage", sagt Schönbacher. Dies gelingt ihr auch. Sie ermöglicht der Leserin ein Erwachen aus fernen und doch vertrauten Märchenzeiten mit großem Begehren auf mehr Sinnliches, Gewünschtes, Wieder-Erinnertes, Feenhaftes, Erstaunliches, Mächtiges, Eigenmächtiges. Sie hat alles methodisch gut aufbereitet und liefert brauchbare, wissenschaftliche Argumente, warum Matriachate als Gesellschaftsformen lebbare Alternativen zu patriarchalen Herrschaftssystemen sind - ein sinnlicher Lesegenuss, auch für Laiinnen.
(Ruth Devime)
Petra Schönbacher.
Das Feuer der Baba-Jaga.
Matriarchales Urwissen als Chance ... oder die geheimen Botschaften in russischen Märchen.
244 S. / 23 Euro.
Edition Roesner 2006.
ISBN 978-3-902300-20-1.
Petra Schönbacher, geboren 1967 in Graz, studierte Russisch und Sinologie. Seit ihrer Diplomarbeit beschäftigt sie sich mit dem Matriarchat und hat unter anderem einen Workshop für Frauen entwickelt, bei dem die matriarchale Kultur eine Inspirationsquelle für die Suche nach neuen Wegen darstellt. Die Autorin ist seit mehreren Jahren Moderatorin der Ö1-Journale des ORF und gibt Stimm- und Atemtrainings. Sie lebt und arbeitet derzeit in Wien.