Selbes Ergebnis auch in Graz, wo kein EMS absolviert wird - ÖH sieht Diskriminierung - Broukal: "Test hat versagt" - Bures "alarmiert"
Wien/Innsbruck - Anfang Juli sind in Wien und Innsbruck die
Eignungstests für das Medizin-Studium (EMS) abgehalten worden, am Mittwoch wurden nun die Ergebnisse veröffentlicht. Wie schon im Vorjahr haben sich deutlich mehr Frauen beworben als tatsächlich aufgenommen wurden: "Signifikant schlechter" haben die weiblichen Teilnehmer im Vergleich zu den Männern abgeschnitten, auch in Graz, wo statt des EMS-Tests ein alternativer absolviert werden musste. Der Vize-Rektor der Medizinischen Uni Wien sieht das als Indiz, die Gründe für die Geschlechterdifferenz nicht bei den Aufnahmeverfahren selbst zu suchen.
So ist der Unterschied
zwischen österreichischen Männern und Frauen mit 4,9 Punkten doppelt
so groß wie zwischen deutschen Männern und Frauen mit 2,5 Punkten.
Der Abstand zwischen österreichischen Frauen und deutschen Männern
beträgt sogar acht Punkte. Das beste Testergebnis lieferte allerdings eine
Wienerin. Die Österreichische HochschülerInnenschaft zeigte sich in einer Aussendung über die neuerliche "offensichtliche Benachteiligung" enttäuscht.
Wien
In Wien hätten nach der Anmeldeprozedur im Frühjahr 3.723 Personen
zum Test antreten dürfen, tatsächlich haben sich dann 2.581 BewerberInnen
dem EMS gestellt, um einen der 740 Studienplätze an der Medizinischen
Universität Wien (MUW) zu ergattern. 56,6 Prozent waren Frauen, einen Studienplatz ergatterten allerdings nur
41,5 Prozent.
Innsbruck
An der Med-Uni Innsbruck hatten nach der Anmeldung 1.929 Personen
die Chance, zum EMS anzutreten, 1.359 haben sie tatsächlich genutzt,
um einen der insgesamt 400 Studienplätze zu erlangen. 56,7 Prozent der KandidatInnen waren weiblich, 48,8 Prozent erhalten einen Studienplatz.
Graz ohne EMS
In Graz, wo man statt dem EMS-Test einen dreistündigen Multiple-Choice-Test über Biologie,
Physik, Mathematik und Chemie absolvieren ließ, waren von den 639 BewerberInnen 58,4 Prozent weiblich, einen Studienplatz erhalten allerdings nur 48,5 Prozent Frauen.
Für den Vize-Rektor der Medizinischen Universität Wien, Rudolf
Mallinger, ist die Tatsache, dass mit einem komplett anderen
Verfahren ein ähnliches Ergebnis erzielt wurde, ein "starkes Indiz"
dafür, dass nicht der EMS die Ursache der schlechten
Frauen-Erfolgsquote ist. Das sei ihm aber schon nach den diesjährigen
EMS-Ergebnissen auf Grund der starken Unterschiede in der
Erfolgsquote - im Unterschied zu den ÖsterreicherInnen erreichten bei den
Deutschen Männer und Frauen ein ausgeglichenes Ergebnis - klar
gewesen.
Weitere Hürde
Für jene Frauen, die den Aufnahmetest geschafft haben, wartet eine
weitere Hürde: Am Ende des ersten Studienjahrs gibt es eine große
Prüfung, die "Summativ integrierte Prüfung" (SIP). Laut Mallinger
haben auch bei dieser in den vergangenen Jahren Frauen schlechter
abgeschnitten als Männer, Zahlen dazu gebe es aber nicht. Dagegen
seien bei den weiteren großen Prüfungen im Medizin-Studium keine
Geschlechtsunterschiede festzustellen.
Keine Geschlechterdifferenzen in Schweiz und Baden-Württemberg
Erklärungen für das schlechtere Abschneiden der Frauen hat man in Wien zur Zeit nicht parat. Einerseits verweist man auf die deckungsgleichen Tests in der Schweiz
und Baden-Württemberg, wo sich keine signifikanten
Geschlechterunterschiede gezeigt hätten. Andererseits müsse man die -
nach den bereits im Vorjahr aufgetretenen geringen
Frauen-Erfolgsquoten beim EMS - vom Wissenschaftsministerium in
Auftrag gegebene Studie der Bildungspsychologin Christiane Spiel
abwarten, die im Herbst vorliegen soll.
ÖH: Diskriminierung verhindern
Von Seiten der Österreichischen HochschülerInnenschaft kam Kritik an der "offentlichtlichen Benachteiligung" von Frauen: "Es ist nicht nur bedauerlich sondern nahezu fahrlässig, dass
nicht bereits vor den heurigen Aufnahmetests ein Versuch unternommen
wurde diese geschlechtergerecht zu gestalten. Immerhin war das
Problem seit den Aufnahmetests im Vorjahr bekannt und viel
diskutiert." Es bleibe zu hoffen, dass Wissenschaftsminister Johannes Hahn Konsequenzen aus der laufenden Überprüfung der Ungleichbehandlung zieht, um die
Diskriminierung "ab sofort" zu verhindern, so das ÖH-Vorsitzteam abschließend.
Broukal: Test hat versagt
Der SP-Wissenschaftssprecher
Josef Broukal erklärte indes, seine Geduld mit dem Eignungstests sei zu Ende. Für ihn
hat "dieser Test in dieser Form in diesem Land versagt".
Broukal, der bereits im Frühjahr auf die niedrige
Frauen-Erfolgsquote beim ersten Test aufmerksam gemacht hatte, will
nun mit Hahn und
VP-Wissenschaftssprecherin Gertrude Brinek sprechen, "ob die Politik
noch ein drittes Mal bei einem solchen Test zuschauen kann."
Der
Mandatar erinnerte daran, dass vor Einführung des Tests sechzig Prozent
der StudienanfängerInnen in Medizin Frauen gewesen seien und ein ebenso
großer Anteil das Medizin-Studium abgeschlossen habe. "Es gibt keinen
Hinweis darauf, dass österreichische Frauen so ungeeignet seien, den
Arztberuf zu ergreifen", so Broukal.
Für ihn liegt der Verdacht nahe, dass der
Grund in der "zersplitterten" Oberstufe des österreichischen
Schulsystems liege, wo offensichtlich naturwissenschaftliches Denken
nicht ausreichend vermittelt werde.
Bures: "Alarmierend"
Frauenministerin Doris Bures bezeichnete die
unterschiedlichen Ergebnisse indes als "alarmierend". In einer Aussendung am Donnerstag meinte sie, dass es nicht zulässig wäre, Frauen aufgrund eines "fragwürdigen Aufnahmeverfahrens" den Zugang zu einem Studium zu verweigern. Sie unterstütze daher die von Hahn
angekündigte Evaluierung der Testergebnisse und forderte gleichzeitig
konkrete Maßnahmen, sobald die Untersuchungsergebnisse vorliegen, "um
die Benachteiligung von Frauen beim Zugang zum Medizinstudium rasch
abzustellen." (APA/red)