Längst wird die Pille nicht nur mehr zur Verhütung verschrieben - Sylvia Groth vom FGZ Graz fordert eine strengere Kosten-Nutzen-Rechnung
Wird in Österreich von Verhütung gesprochen, ist in den häufigsten Fällen die
Pille gemeint. Erhebungen von Pharmafirmen, Meinungsforschungsinstituten aber
auch der unabhängige Familien und Fertilitätssurvey (FFS) bestätigen, dass die
Mehrheit der Frauen auf orale Kontrazeptiva vertraut. Die Pille kommt in der
gynäkologischen Praxis aber auch bei vielen anderen Beschwerden zur
Anwendung, zum Beispiel bei Regelschmerzen, Zyklusunregelmäßigkeiten oder
auch Endometriose. Hinzu kommen die "Beauty-Effekte" der Pille auf Haut, Haar
und das Wohlbefinden allgemein, mit denen Pharmahersteller immer häufiger
werben. Hat sich die Pille 40 Jahre nach ihrer Zulassung am Markt von einem
Verhütungsmittel hin zu einer Art "Allround-Pille" für die Frau entwickelt?
Gesundheitsrisiken
Für Sylvia Groth vom Frauengesundheitszentrum Graz ist klar: Die Pille ist ein
Medikament, das sich wie jedes andere Medikament eine kritische Kosten-
Nutzen-Rechnung gefallen lassen muss. "Umso strenger fällt diese Rechnung aus,
da die Pille ja gesunde Frauen nehmen und nicht Kranke", weiß die Medizin-
Soziologin.
Der Zusammenhang zwischen Pille-Einnahme und Thrombosegefahr,
Herzinfarkt- sowie Brustkrebsrisiko ist für einzelne Pillen-Varianten belegt und
sollte nicht bagatellisiert werden, auch wenn andere Gefährdungsmomente wie
zum Beispiel Rauchen oder ein erhöhter Cholesterinspiegel bei den
Krankheitsrisiken eine größere Rolle spielen mögen. Es ist ein Novum in der
medizinischen Geschichte, dass gesunde Frauen in diesem Ausmaß mit einem
Medikament behandelt werden, und das zum Teil über viele Jahre ihres Lebens.
Groth setzt sich mit ihrem Frauengesundheitszentrum seit Jahren für einen
bewussteren und auch kritischeren Umgang mit Hormonpräparaten bei Frauen
ein.
Selbstbestimmt und frei
Die sexualgeschichtliche Forschung hat die Erfindung der Pille vielmals als die
Initialzündung für die Befreiung der weiblichen Sexualität beschrieben. Ohne
Zweifel: Die hormonelle Verhütung entband Frauen zuverlässig von der Angst
einer ungewollten Schwangerschaft. Kehrseite dieser Befreiung war aber auch die
Übertragung der alleinigen Verantwortung für die Verhütung. Studien aus den
1960ern zeigen den Wandel in dieser Frage: Zwei Drittel der Männer sahen sich
damals noch für die Verhütung in der Partnerschaft zuständig, heute sind es nicht
einmal mehr 20 Prozent (Quelle: Befragung zu Verhütungsmethoden in
Deutschland im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung,
2003).
Libidoverlust
Dass die Pille nicht nur selbstbestimmt und frei, sondern unter Umständen auch
lustlos macht, empfindet Groth in der aktuellen Debatte dabei geradezu als
"zynisch": "Was nützt es mir, frei zu sein, wenn ich keine Lust habe?" Bis vor nicht
allzu langer Zeit wurden Klagen von Frauen über etwaige Lustlosigkeit während
der Pillen-Einnahme gerne auch einmal mit dem Argument abgetan, dass Frauen
im Bewusstsein nicht schwanger werden zu können, auch weniger Lust verspüren
würden. "Biologistisch" nennt Groth diese Argumentation und verweist auf eine
breit diskutierte Studie des Boston University Medical Centers, wonach die Pille-
Einnahme auch nach dem Absetzen des Medikaments die Libido von Frauen
beeinträchtigen kann, weil der durch die Hormon-Zufuhr gesenkte Testosteron-
Spiegel im Blut dauerhaft unter dem vorherigen Wert bleibt.
Abwägen
Freilich, sexuelle Lust hängt von mehr ab als dem Hormonspiegel im Blut, und bei
weitem auch nicht jede Frau kämpft mit den bekanntesten Nebenwirkungen der
Pille wie Gewichtszunahme, Gemütsverstimmungen oder Migräne. Groth kritisiert
auch nicht, dass sich Frauen für ein hormonelles Verhütungsmittel mit all seinen
Vorzügen und Risiken entscheiden, was sie bemängelt, ist die zum Teil
"manipulative" Darstellung der Pille durch die Pharmaindustrie und einzelne
Medien. Wenngleich die Betonung der erwünschten Effekte eines Produktes aus
marketingtechnischer und ökonomischer Sicht Sinn mache, so dürften doch die
Rechte der Konsumentinnen nicht vernachlässigt werden, meint die
Gesundheitsexpertin.
Man wisse, dass GynäkologInnen in ihrer Praxis großteils auf die Informationen
der Pharmaindustrie zurückgreifen, anstatt sich aus erster Hand über die
wissenschaftlichen Erkenntnisse zu informieren. "Viele Frauen fühlen sich aber
auf dieser Grundlage nicht umfassend beraten", so Groth. Es obliege demnach oft
unabhängigen Stellen wie dem Frauengesundheitszentrum, Betroffene
umfassend zu Nebenwirkungen und Risiken der Pille zu beraten. (Ina
Freudenschuß, dieStandard.at, 9.8.2007)