Die Schreibtischtäter der Hexenhatz

Redaktion, 16. Oktober 2007, 13:24
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    foto: ecowin

Clemens Hutter verwendet den "Hexenhammer" als Maßstab für seine Analyse

Noch im Jahr 1750 ist in Österreich eine Frau wegen Hexerei verurteilt worden und am Scheiterhaufen gelandet. Das ist erst etwas über 250 Jahre her. Übrigens wurde die letzte "Hexe" in Salzburg verbrannt. Hier wütete die Verfolgung ganz besonders - wie überall, wo weltliche und kirchliche Macht zusammenfiel. Der ehemalige stellvertretende Chefredakteur der Salzburger Nachrichten, Clemens. M. Hutter, schätzt, dass in Europa rund 60.000 Menschen wegen Hexerei exekutiert wurden - drei Viertel davon Frauen.

 

Hutters Buch über die Gräuel des Hexenwahns, der nicht, wie viele meinen, im "finsteren Mittelalter", sondern am Beginn der Neuzeit vom 15. bis in das 18. Jahrhundert seine Hochblüte erlebte, ist keine Sammlung von Schreckensgeschichten über Folter und Hinrichtung allein. Hutter versucht vielmehr die Denkweise und Infamie der Schreibtischtäter von damals zu beleuchten, denn "selbst nach dem damaligen Stand der Wissenschaft waren die Methoden der Hexenjäger höchst anfechtbar".

"Hexenhammer" als Maßstab

Hutter nimmt den von zwei Mönchen verfassten "Hexenhammer" - das Standardwerk der Hexenhatz - zum Maßstab des Hexenwahns. Der "Hexenhammer" weist Richter an, wie sie durch krassen Betrug, Fälschung von Dokumenten, Fallenstellerei, raffinierten Rechtsbruch und hinterhältige Lügerei Hexen ihrer "Verbrechen" überführen können. Priester schreckten also nicht davor zurück, das biblische Wahrheitsgebot ungeniert zu brechen - der Zweck heiligte die barbarischen Mittel.

Dabei erliegt Hutter aber nicht der Versuchung, das heutige Rechtssystem als Bezugspunkt zu nehmen, sondern er orientiert sich an den Zeitumständen, den gültigen Gesetzen und jenen Regeln der Logik, die den an sich hochgebildeten Ordensmännern bekannt sein mussten. (Thomas Neuhold, DER STANDARD, Print, 16.10.2007)

Clemens M. Hutter:
Hexenwahn und Aberglaube
Ecowin 2007
224 Seiten/€ 19,95
Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 29
1 2
Alleguten Geisterinnen
00
17.10.2007, 08:33
sie sind täglich vor Abtreibungskliniken und exorzieren:

http://www.hli.at/content/v... ew/93/100/
Abtreibung - die dämonische Religion - sie gehört ausgetrieben, sagt Human Life International.
Frauen, seid wachsam, die Hexenjäger sind nach wie vor aktiv!

Timagoras
 
00
17.10.2007, 01:04
aberglaube


letztendlich ist jeder religiöser glaube nichts anderes als "aberglaube".

wer glaubt, durch siebenmaliges umwandern eines schwarzen steins oder durch baden im schmutzigen ganges sich von sünden reinwaschen zu können,
oder wer glaubt, durch das verspeisen einer oblate oder das tragen von schläfenlöckchen gott zu gefallen, muss schon gehörig einen an der waffel haben .... ;o)


Oft verwundert...
01
16.10.2007, 13:24
Es wär schön...

...würde hier genausoviel über HEUTE gesteinigte wie vor Jahrhunderten verbrannte Frauen geschrieben.

berger mfp
10
16.10.2007, 19:00
Da die Haupttäterin

bis heute existiert und sich noch nie von ihrem Opfern (laut konservativen Schätzungen im dreisteinigen Millionenbereich) distanziert oder sich bei den Opfern entschuldigt hat - muss man wohl weiter daran erinnern.

Also, katholische und evangelische Kirchen vor den Vorhang, Ihr seid entlarvt.

Duskson 81
 
00
9.11.2007, 15:05

dreisteinig hat in dem zusammenhang was *g*
sorry

B. G. Rems
00
16.10.2007, 10:40
Nie werde ich den Ausspruch...

...meines Salzburger Religionslehrers vergessen, der auf ständiges Bohren und Nachfragen etwas die Fassung verlor und mit sichtlichem Erklärungsnotstand halb verzweifelt in die Klasse sagte: "Ah, geh, man darf die Hexenverbrennungen ned nur so negativ sehen".

:-). Ich bin mir sicher, dass er es nicht ganz so gemeint hat, aber das wird mir ewig in Erinnerung bleiben. Vielen Dank für diesen Weltsager, Licki!

Mathbau
04
16.10.2007, 01:52

"...wie überall, wo weltliche und kirchliche Macht zusammenfiel."

Diese Aussage gilt unter Umständen für das Territorium des Heiligen Römischen Reichs, nicht jedoch außerhalb desselben. Im päpstlichen Kirchenstaat, das Paradebeispiel der Verquickung kirchlicher und weltlicher Macht, fiel die Zahl von Hexenverbrennungen außerordentlich gering aus.

berger mfp
00
16.10.2007, 19:05
Dafür wurden dort

Millionen anderer Menschen gefoltert und ermordet. Ich denke da zB an die Massenhinrichtung (in Form einer langsamen Folter zu Tode) von bsi zu 60.000 Patarenern und der Katharer (mittelalterliche Sekten).

Da waren auch tausende Kinder dabei, die von kuttentragenden Henkern zu Tode gefoltert wurden ...

Die Kirche hat viel Dreck am Stecken. Sehr viel.

insertnamehere
 
01
17.10.2007, 09:18
"Die Kirche hat viel Dreck am Stecken. Sehr viel."

Ohne Frage.

Ihr deswegen aber aus quasi "Rationalisierungsgründen" (dann haben wir praktischerweise EINEN Bösen) jetzt mal unbesehen ALLES anlasten zu wollen, was so alles ekelhaft war in der europäischen Geschichte ist schon ALLERärmst.

Nebenbei sind die Katharer mWn in Südfrankreich ausgerottet worden und nicht im Kirchenstaat.

Wie kommenS eigentlich auf die Millionen?

Schluppina
22
16.10.2007, 16:03
Das meinens jetzt aber als (dummen) Scherz, oder?

Kann wohl nicht ihr Ernst sein, sich über fehlende Hexenverbrennungen im Vatikan zu wundern?

Weil dort ja soooo viele Hebammen, Kräuterfrauen und andere emanzipierte Frauen tätig waren oder lebten ....? Und die waren ja die bevorzugten Opfer für Hexenmorde der in diesem Fall eindeutig katholischen Kirche.

PS: Ja natürlich, auch andere fundamentalistische christliche Gruppen haben Hexen verbrannt, z.B. etliche protestantischen Kirchen in Nordamerika (Salem, Massachusetts hat da eine besonders unrühmliche Geschichte), aber in Europa war es halt hauptsächlich die katholische Kirche, in Spanien besonders schlimm. Dort verwenden sie heute noch bei Kirchen-Prozessionen die berühmten Zipfelhüte der Inquisition! Unglaublich.

Timagoras
 
02
17.10.2007, 01:11
"in Spanien besonders schlimm"

falsch.
hexenverfolgungen gab es hauptsächlich in mitteleuropa (also bei "uns").
gerade im Spanien der inquisition gab es (so wie im kirchenstaat mittelitaliens) erstaunlich wenige hexenverfolgungen bzw. -prozesse.

und zu Ihrem anderen irrtum betreffend den kirchenstaat (Mathbau hat ausdrücklich auf diesen hingewiesen, und nicht auf den heutigen Vatikan) hat ja Chien de Pique schon die richtige aufklärende antwort gegeben....



Chien de Pique
02
16.10.2007, 16:35
Gute Güte. Dabei haben wir noch gar keine Gesamtschule.

Der Kirchenstaat umfasste einen Großteil von Mittelitalien, inklusive mächtiger Großstädte wie Rom und Bologna; und nicht die lumpigen 0,44 qkm von heute, die Konzession unter Mussolini;
Natürlich gab es da Hebammen - und vermutlich auch etliche Kräuterweiblein.
Emanzipierte Frauen im heutigen Sinne gab es sowieso nirgends in Europa, oder allenfalls im Adel.

die rote baronin
02
16.10.2007, 16:30

Die Inquisition und die Hexenverfolgung sind nicht dasselbe. Zudem war der Hexenwahn auch im protestantischen Europa sehr weit verbreitet, und überstieg hier teilweise das Ausmaß einiger katholischer Länder. Die Rolle der Kirche ist übrigens nicht eindeutig Pro-Hexenverfolgung (teilweise absolut das Gegenteil). Aber schon Heinrich Himmler wollte uns ja das Gegenteil beweisen (Hexenkartothek).

Hansjacob
04
16.10.2007, 14:22
"kirchlich" nicht gleich "katholisch"

Allgemein - und unter standard-Postern nicht weniger! - liebt man ja die Gleichsetzung "kirchlich" = "katholisch".

Richtig ist sie nicht...

Und wenn man sie aufhebt, ergeben sich interessantere Perspektiven, z. B. daß Calvinisten & Co. die eifrigsten Verbrenner waren.
Die Zahl der Scheiterhaufen in Amsterdam übertrifft die in Rom bei weitem.

Susi Stattnam
00
16.10.2007, 12:46
besonders beliebt waren Menschen,

die "anders" waren und sich dem Despot der Kirche nicht so leicht unterwarfen. Die bisserl Aufmuepfigeren halt. Und die sind wohl eher weiter weg von gut dominierten Gegenden gewesen....

PegasusNbW
01
16.10.2007, 14:22
Bitte nicht vergessen

dass es auch (wenn nicht vor allem) in nicht-katholischen Gebieten zu Hexenprozessen samt Schuldspruch und Ermordung gekommen ist. Interessant ist auch, dass zB in Spanien die großen Hexenprozesse erst stattfanden, als die Hexengerichtsbarkeit von den Händen der Inquisition in die Hände der weltlichen Gerichte gelegt wurde. Zudem waren die Regeln, die die Inquisition in Hexenprozessen anwandten, weitaus restriktiver als die von weltlichen Gerichten.

Dass alle Handelnden in der kath. Kirche unschuldig waren, kann man nicht sagen (siehe zB Kramer). Allerdings ist es auch falsch, die kath. Kirche als die Hauptschuldige an der Hexenhysterie der frühen Neuzeit hinzustellen.

Susi Stattnam
00
17.10.2007, 11:16
Hauptschuldig war die Kirche natuerlich.

Ohne Glauben an den Teufel keine Hexenverbrennung.

insertnamehere
 
00
17.10.2007, 13:19

Ohne Erfindung des Feuers übrigens auch nicht.

Susi Stattnam
00
17.10.2007, 16:53
Das Feuer wurde erfunden?

insertnamehere
 
00
18.10.2007, 09:13
Die Technik des Feuermachens. Okay?

Dampfkraft wurde ja auch nicht erfunden, so gesehen.

Und der Glauben an üble Dämonen sowie Menschen, die magisch anderen übles antun, ist nun wirklich keine Spezialität der Kirche.

Und eine Gesellschaft, die eine kleine Eiszeit und ähnliche Unannehmlichkeiten erlebt, ohne den Grund dafür zu wissen oder das Phänomen zu verstehen und sich KEINE Sündenböcke sucht, müsste man in der Menschheitsgeschichte wohl auch lang suchen.

Die Kirche hat garantiert ihr unheiliges und nicht zu kleines Scherflein zum Hexenwahn beigetragen.
Ihn ihr aber allein anzulasten oder gar zu meinen, ohne die Kirche wär sowas in der Art komplett undenkbar gewesen, ist, sorry, schon sehr naiv.

Chien de Pique
02
15.10.2007, 23:11
Na ja, 1750 war Salzburg gerade nicht "Österreich".

Sondern ein Gebiet, das erst ein gutes halbes Jahrhundert später österreichisches Gebiet werden würde, ein souveränes Fürsterzbistum innerhalb des Hl. Römischen Reiches.
Freilich wird sich hier die Mozartdebatte kaum wiederholen.

owen breon3
00
16.10.2007, 09:31
das allerdings ist überaus richtig

aber auch hier lässt pisa grüssen :/

PegasusNbW
08
15.10.2007, 23:06
also

1. war nur ein mönch autor des hexenhammers (kramer), einen koautor gab es nach neueren forschungsergebnissen nicht; es ist unklar ob kramer selbst den namen sprengers als koautor angegeben hat oder ob er erst später hinzugefügt wurde - der name sprengers findet sich erstmals in einem druck von 1519 (sowohl kramer als auch sprenger waren zu diesem zeitpunkt schon tot).

2. der hexenhammer besaß keinerlei rechtsstiftenden wert (weder nach kanonischem und schon gar nicht nach weltlichem recht). wieso hätten auch die protestanten und puritaner (in deren gebiete der großteil der hexenverfolgung stattfand) gerade auf katholische dominikaner hören sollen?

just my two cents...

Kantinenessen
13
16.10.2007, 13:41
Punkt 2 ist durchaus interessant.

Allerdings werden sich weder die Puritaner, noch die Protestanten völlig von der katholischen Denkweise gelöst haben, nur weil sie ihrem Glauben eine etwas andere Richtung gegeben haben.

In der Neuzeit war die Hexenverfolgung auch nicht wirklich von oben (Vatikan) verordnet, sie war das Ergebnis der sozialen und ökonomischen Zustände (Kriege, Hungersnöte, "kleine Eiszeit") und entstand IN der Bevölkerung. Die Leute brauchten Sündenböcke, die Machthaber spielten mit, weil dabei auch für sie etwas abfiel und das Volk bei Laune gehalten werden mußte.

Ich glaube, dass Religiosität dabei keine Rolle spielte, oder höchstens eine untergeordnete.

ChesneyB
00
16.10.2007, 13:07

Kann man auch unter http://de.wikipedia.org/wiki/Hexenhammer nachlesen, wobei man sich hier auch die Diskussionsseite ansehen sollte.

Von mir jedenfalls auch Grün für diesen interessanten Einwand.

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