Mutterschaft als Frauenversklavung
"Man darf nicht glauben, der weibliche Körper verleihe einem eine neue Vision der Welt. Das ist lächerlich. Frauen, die das glauben, fallen ins Irrationale, ins Mystische, ins Komische zurück. Sie spielen das Spiel der Männer..." (Kassandra, Frauen-Lexikon). Folglich auch ihr Statement zur sogenannten "neuen Weiblichkeit", die in den 80er Jahren den Mythos der "weiblichen Natur" wieder aufleben ließ: "Ich denke, dass das ganz einfach eine Rückkehr in die Versklavung der Frauen ist! Die Mutterschaft ist schließlich immer noch die geschickteste Art, Frauen zu Sklavinnen zu machen... Eine neue Verklärung von Mutterschaft und Weiblichkeit ist der Versuch, die Frauen auf das Niveau von vorher zurückzudrängen". (A. Schwarzer: "Simone de Beauvoir heute")
Feministisches Vorbild
Obwohl Simone de Beauvoir sich selbst nie als Feministin bezeichnet hat, haben sowohl ihre Theorie als auch ihre Biografie für viele Frauen Vorbildcharakter. Denn "mit ihren politischen Engagements und privaten Revolten (hat sie) das Bild einer Frau vermittelt, die hoch erhobenen Hauptes gegen die Angepasstheit, gegen die Feigheit und Dreistigkeit der anderen anlebte. Und die dabei nicht auf der Strecke blieb, sondern im Gegenteil, erst wirklich anfing zu leben." (Emma, 1986)
1908 - 1925
Am 9. Januar 1908 wird sie als Simone Lucie Ernestine Marie Bertrand de Beauvoir in Paris geboren. Sie wächst in einer großbürgerlichen Familie – die Mutter Francoise ist Bibliothekarin, der Vater Georges Anwalt – auf und wird streng katholisch erzogen. 1913 kommt sie in das katholische Mädcheninstitut Cours Désir in Paris, das sie 1925 mit Matura abschließt.
Schon im Alter von 12 Jahren scheint sich ihr weiterer Lebensweg – aufgrund der komplizierten (und doch typischen) Beziehung zu ihrem Vater - abzuzeichnen. Denn bis zu diesem Zeitpunkt bewundert sie ihn vor allem wegen seiner Belesenheit. Seinen patriarchalen Habitus findet sie bis dato relativ normal.
Das ändert sich radikal, als er sie mit den Worten "Wie hässlich du bist!" vor den Kopf stößt. Dieser Schock veranlasst sie, ihre Intelligenz zu betonen. "Sie lernt wie besessen, büffelt während des Essens Vokabeln und stellt detaillierte Zeitpläne auf, die sie krampfhaft einzuhalten versucht, um keine Minute ungenutzt verstreichen zu lassen." (D.Wunderlich: "EigenSinnigeFrauen")
1925 – 1929
1925/26 studiert sie Philologie und Mathematik an den Instituten Sainte-Marie in Neuilly und Catholique in Paris. Anschließend startet sie ein Philosophiestudium an der Pariser Sorbonne, das sie 1929 mit einer Diplomarbeit über den Philosophen Leibnitz abschließt. In der Vorbereitungszeit auf die agrégation (Lehrerlaubnis) an der Sorbonne und der Ecole Normale Supérieure, lernt sie Jean-Paul Sartre kennen und eine lebenslange Beziehung, jenseits der damals gültigen Muster, beginnt.
Aufgrund der erlebten Täuschungen ihrer Eltern weigert sich Simone zu heiraten und hausfrauliche Pflichten zu übernehmen. Die beiden schließen eine Vereinbarung, sich den Normen der bürgerlichen Ehe zu widersetzen. So leben sie zeitlebens getrennt, zumeist in Hotels, und essen in Restaurants. Freiheit – auch sexueller Natur, Selbstbestimmung und Gleichberechtigung stellen für Simone und Jean-Paul das Fundament aller Werte dar.
1929 – 1940
Zwischen 1929 und 1931 geht Simone in Paris einer halben Lehrverpflichtung nach und gibt Privatstunden. Die nächsten zwei Jahre erhält sie eine volle Lehrverpflichtung als Philosophielehrerin in Marseille. 1932 wechselt sie nach Rouen, wo sie sich hauptsächlich mit der Phänomenologie Husserls auseinandersetzt. 1943, wieder in Paris, unterrichtet sie am Lycée Molière und am Camille Sée.
1940 – 1945
Die deutsche Besatzungszeit verbringt sie in Paris. Sie trifft auf Albert Camus, Jean Genet, Alberto Giacometti und Pablo Picasso, mit denen sie sich regelmäßig in ihrem Stammcafé, dem Café Flore am Boulevard St. Germain-des-Prés, trifft. Nach Sartres Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft nimmt auch er an den Sitzungen teil und gründet die Widerstandsgruppe "Socialisme et Liberté".
1943 wird Beauvoir aus dem Schuldienst entlassen, weil sie die Beziehung einer Schülerin zu einem jüdischen Jungen verteidigt hat. In diesem Jahr erscheint ihr erster Roman "L`Invitée" (Sie kam und blieb), in dem sie die Dreiecksgeschichte mit Sartre und einer zweiten Frau aufarbeitet. Von nun an ist sie als freie Schriftstellerin tätig.
1944 bringt sie ihr erstes philosophisches Essay "Pyrrhus et Cinéas" heraus. Ein Jahr später veröffentlicht sie mit "Le Sang des autres" (Das Blut der anderen) einen Roman, der sich mit Okkupation und Widerstand auseinandersetzt. Im selben Jahr wird ihr einziges Drama "Les Bouches inutiles" (Die unnützen Mäuler) – eine thematische Anlehnung an "Das Blut der anderen" - uraufgeführt.
1945 – 1950
Ab 1945 schreibt Simone de Beauvoir philosophische Aufsätze für die von Sartre gegründete Zeitschrift "Les Temps Modernes", die später einzeln publiziert und 1948 im Sammelband "L`Existentialisme et la sagesse des nations" herausgebracht werden. 1946 veröffentlicht sie den historischen Roman "Tous les Hommes sont mortels" (Alle Menschen sind sterblich), in dem sich der Protagonist für seine Unsterblichkeit entscheidet, um seine Pläne realisieren zu können. In "L`Amérique au jour le jour" (Amerika – Tag und Nacht), erschienen 1948, berichtet sie in Tagebuchform über ihre erste USA-Reise, auf der sie den Schriftsteller Nelson Algren kennen und lieben lernt.
1949 erscheint das berühmte Werk "Le Deuxiéme Sexe" (Das andere Geschlecht) und löst heftige Reaktionen aus. Von weiten Teilen der männlichen und rechten Presse wird es unsachlich diffamiert. Francois Mauriac bezeichnete es als "Brechmittel", das "die Grenze der Verkommenheit erreicht". "Männerfressende" "bacchantische Priesterin", Suffragette und Amazone, "die eine Hälfte der Menschheit gegen die andere aufzubringen versucht" waren nur einige emotionsgeladene Aussprüche im Reigen der Schimpftiraden. Vom Vatikan wurde das Buch sogar wegen der "unmoralischen Doktrinen, die die guten Sitten und die Heiligkeit der Familie mit Füßen treten" (L`Osservatore Romano) auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt.
Das Buch, dessen Grundaussage "Man kommt nicht als Frau zur Welt, sondern wird dazu gemacht" lautet, wird zu einer Art feministischer Bibel, da es Thesen zur Selbstverwirklichung der Frau sozialhistorisch begründet und "radikale" Lösungen fordert. Vor der Existenz der Frauenbewegung galt "Das andere Geschlecht" als "Geheimcode, den wir erwachsenen Frauen uns weitergaben" (A. Schwarzer). Es wurde in alle europäischen Sprachen übersetzt und zum meistverkauften Sachbuch des Feminismus.
1950 – 1958
1950 reist sie erneut in die USA und verbringt noch zwei Monate mit ihrem Geliebten Algren, von dem sie sich ein Jahr später trennt. 1952 beginnt eine Liebesgeschichte mit dem um 17 Jahre jüngeren Claude Lanzmann, dem späteren Herausgeber der "Temps Modernes". Ihr Roman über die Linksintellektuellen um Jean-Paul Sartre, "Les Mandarins" (Die Mandarins von Paris), eine literarische Denkmalsetzung des Existentialismus, wird 1954 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet. Noch im selben Jahr opponiert sie gemeinsam mit anderen Intellektuellen gegen den Algerien-Krieg.
1955 erfolgt die Publikation von "Privilèges", einer Sammlung von Aufsätzen, darunter auch der bekannte "Faut-il bruler Sade?" (Soll man de Sade verbrennen?) – eine Literaturkritik in Form der Mischung aus Psychoanalyse und Gesellschaftskritik. In "La Pensée de Droite, aujourd`hui" (Das Denken der Rechten, heute), verteidigt sie angesichts der Beschreibung des Hasses der Rechten auf den Kommunismus, die Russland-freundliche Linke. In diesen Jahren unternimmt sie mit Sartre ausgedehnte Reisen nach Russland und China. Im 1957 erschienenen Essay "La longue Marche" (China – das weitgestreckte Ziel) gibt sie ihre Eindrücke der China-Reise wider. 1958 trennt sie sich von Claude Lanzmann.
1958 – 1972
In ihren zwischen 1958 und 1972 publizierten autobiografischen Schriften gibt sie Vieles aus ihrem Leben preis. So in "Mémoires d`une jeune fille rangée" (Memoiren einer Tochter aus gutem Haus), "La Force de l`age" (In den besten Jahren), "La Force des choses" (Der Lauf der Dinge) und "Tout compte fait" (Alles in allem). 1959 wird in der Zeitschrift "Esquire" ihr Artikel "Brigitte Bardot and the Lolita Syndrom" gedruckt.
1960 geht sie mit Sartre auf Reisen nach Brasilien und Kuba. Sie startet eine Kampagne für eine Agentin, die von französischen Soldaten vergewaltigt und gefoltert worden war. 1963 beschreibt Beauvoir Krebsleiden und Tod ihrer Mutter – die Lebensgier und physische Auflösung der Frau - in "Une Mort très douce" (Ein sanfter Tod).
Eine kritische Auseinandersetzung mit der konsumgläubigen Pariser Gesellschaft stellt ihr 1966 publizierter Roman "Les Belles Images" (Die Welt der schönen Bilder) dar. In diesem Jahr reist sie mit Sartre nach Moskau und Japan. Drei Erzählungen über Frauen um die 40 vereint sie in "La Femme rompue" (Eine gebrochene Frau) 1967, in dem sie analytisch auf die Situation von alternden Frauen eingeht. Im selben Jahr reist sie in den Nahen Osten und nach koenhagen, wo sie gemeinsam mit Sartre als Mitglied des Russell-Tribunals gegen die amerikanischen Kriegsverbrechen in Vietnam auftritt.
1970 geht sie im Essayband "La Vieellesse" auf das Tabuthema Alter als einem sozialen und weniger biologischem Problem ein. "Das Alter ist ein Problem, in dem alle Schwächen der Gesellschaft zusammenfallen. Deshalb wird es so sorgfältig verborgen." 1971 setzt sich Simone de Beauvoir erstmals aktiv für die Frauenbewegung ein, indem sie sich zusammen mit 343 prominenten Französinnen in der Zeitschrift Nouvel Observateur zur Abtreibung bekennt.
1972 – 1986
1974 wird sie zur Präsidentin der "Liga für Frauenrechte" in Frankreich. 1975 erhält sie den "Preis von Jerusalem", der an SchriftstellerInnen vergeben wird, die sich für die Freiheit des Individuums einsetzen. 1978 wird sie mit dem "Großen österreichischen Staatspreis für europäische Literatur" ausgezeichnet. Erst 1979 veröffentlicht sie ihre sehr früh geschriebenen Erzählungen "Quand prime le spirituel" (Marcelle, Chantal, Lisa...).
Als Jean-Paul Sartre 1980 stirbt, bricht sie zusammen und muss einen Monat lang im Krankenhaus behandelt werden. Anschließend versucht sie, den Verlust - wie schon beim Tod ihrer Mutter – durch Schreiben zu verarbeiten. Ein Jahr später berichtet sie in "La Cérémonie des adieux, suivi de Entretiens avec Jean-Paul Sartre" (Die Zeremonie des Abschieds und Gespräche mit Jean-Paul Sartre) mit totaler Offenheit über die letzten Lebensjahre und das Siechtum Sartres.
1983 gibt sie Sartres Briefe unter dem Titel "Lettres au Castor et à quelques autres" (Briefe an Simone de Beauvoir und andere) heraus. Zu dieser Zeit übernimmt sie den Vorsitz der Regierungskommission "Kulturpolitik für Frauen". Sie wird mit dem dänischen Sonning-Preis ausgezeichnet. Im selben Jahr veröffentlicht Alice Schwarzer "Simone de Beauvoir heute", eine Reihe von Interviews, die sie mit ihr zwischen 1972 und 1982 geführt hat.
Im März 1986 wird sie mit Magenkrämpfen in eine Klinik eingeliefert. Die Diagnose: Lungenödem und Lungenentzündung als Folgen einer Leberzirrhose. Simone de Beauvoir stirbt am 14. April 1986 im Alter von 78 Jahren in Paris und wird neben Jean-Paul Sartre auf dem Friedhof Montparnasse beigesetzt. (dabu)
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um die frauenbewegung, irgendwie ist Simone Beauvoir doch eine französische Intellektuelle, die ihre Herkunft aus der Elite nicht verbergen kann. außerdem - muss frau die eigenen Leiden und Lust.erlebnisse unbedingt veröffentlichen? ich möchte jedenfalls nicht, dass ich z.b. mal über mich in einem Buch lesen muss, das ein Ex-Partner geschrieben hat.
sehr geehrte elisabeth jarok
was haben sie gegen elite? wird es nicht immer menschen geben, die durch ihr leben und ihre arbeit herausragen, oft durch zufall, aber auch durch leistungen? wäre ein verbergen ihrer herkunft sinnvoll? dass es über sie nach ihrem tod nichts zu lesen gibt, können sie ja selbst bestimmen!
Der Index bleibt auch was Schreckliches. Denn er ist die falsche Methode, mit Kulturprodukten umzugehen. Denn nur was man kennt, kann man überwinden. Und Beauvoir sollte überwunden werden. Auf dem Weg zu einem höheren zivilisatorischen Niveau kann man sie - links - liegen lassen.
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