"Die gesunde Eizelle für ältere Frauen ist der Heilige Gral"

Interview
  • Die gebürtige Grazerin Kikue Tachibana-Konwalski will sich am Institut für Molekulare Biotechnologie (Imba) noch genauer der Chromosomenteilung der Eizelle widmen.
    foto: standard/heribert corn

    Die gebürtige Grazerin Kikue Tachibana-Konwalski will sich am Institut für Molekulare Biotechnologie (Imba) noch genauer der Chromosomenteilung der Eizelle widmen.

Warum Schwangerschaften in höherem Alter ein Risiko sind, erforscht die Genetikerin Kikue Tachibana-Konwalski

Die Antwort scheint mit dem molekularen Klebstoff zu tun zu haben, wie Lena Yadlapalli erfuhr.

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Standard: Wie viel weiß man bereits darüber, warum bei älteren Frauen das Risiko steigt, gesundheitlich beeinträchtigte Kinder auf die Welt zu bringen?

Tachibana-Konwalski: Wir wissen bereits seit 50 Jahren, dass der größte Risikofaktor für das Auftreten von Trisomie 21, also einer bestimmten Chromosomenabweichung, die zum Down-Syndrom führt, das Alter der Frau ist. Aber erst seit einigen Jahren vertritt man die Hypothese, dass das mit molekularen Strukturen in der Eizelle zu tun haben könnte.

Standard: Welche Strukturen sind das?

Tachibana-Konwalski: Die in der Eizelle zunächst doppelt vorliegenden Chromosomen werden bis zum Moment der Zellteilung von einem molekularen Klebstoff zusammengehalten. Diesen Stoff nennen wir Cohesin. Es handelt sich um eine Ringstruktur aus Proteinen. Diese fällt aber mit zunehmendem Alter auseinander, sodass es zu einer fehlerhaften Aufteilung der Chromosomen bei der Reifeteilung hin zu befruchtungsfähigen Eizellen kommt.

Standard: Wie kommt es dazu?

Tachibana-Konwalski: In der Eizelle wird dieser molekulare Klebstoff bereits im Embryo auf die Chromosomen niedergelegt. Das Cohesin muss bis zum Zeitpunkt des Eisprungs die Chromosomen zusammenhalten. Dieser kann bei Frauen auch erst 30 bis 40 Jahre später stattfinden.

Standard: Sie haben diese Proteine in den Eizellen von Mäusen identifiziert. Inwiefern sind Aussagen auf den Menschen übertragbar?

Tachibana-Konwalski: Die Maus ist ein sehr gutes Modell für Säugetierfruchtbarkeit und Zellteilung. Mäuse werden zwar im Labor nur bis zu zwei Jahre alt, doch in den letzten Jahren sind neue Arten aufgekommen, bei denen sich Abnormalitäten bei den Chromosomen der Eizelle schon ab dem 12. bis 14. Monat zeigen. So können diese Prozesse besser untersucht werden.

Standard: Welchen Anteil hat der alternde Proteinkomplex an der verminderten Fruchtbarkeit?

Tachibana-Konwalski: Die Cohesin-Menge in den Eizellen von Mäusen verringert sich mit der Zeit. Wir konnten zeigen, dass der Protein-Komplex - zumindest über eine Drei-Wochen-Periode - in der Eizelle nicht erneuert werden kann. Beides führt zur Annahme, dass der Abbau des Cohesins ein Grund für die abnehmende Fruchtbarkeit bei Frauen ist. Aber das ist noch nicht bewiesen. Ich hoffe, dass ich diese Frage in den nächsten Jahren beantworten kann.

Standard: Welche anderen Krankheiten außer Trisomie 21 könnten auf diesen Prozess zurückgeführt werden?

Tachibana-Konwalski: Trisomie bedeutet, dass es drei Kopien eines Chromosoms gibt. Das kann theoretisch mit allen Chromosomen passieren. Klinisch manifestieren sich nur jene Schwangerschaften, bei denen sich die Embryos entwickeln können. Nur Trisomie 18 und 21 lassen es zu, dass der Embryo überlebt. Bei Frauen in ihren Zwanzigern tritt Trisomie statistisch gesehen bei zwei bis drei Prozent auf. Ab den frühen Dreißigern nimmt das Risiko massiv zu. Bei Frauen ab 40 Jahren kann ein Drittel aller Schwangerschaften trisomisch sein. Gleichzeitig gibt es mehr Befruchtungen, die zu Fehlgeburten führen. Es bleibt aber offen, ob der Alterungsprozess der Proteine der Grund dafür ist.

Standard: Welche anderen Einflüsse gibt es noch?

Tachibana-Konwalski: Hormonelle Veränderungen oder Umweltfaktoren, das Rauchen, können eine Rolle spielen, sind aber schwieriger zu testen. Es wird nicht "das eine" Wundermittel geben, um das Risiko älterer Frauen zu senken, gesundheitsbeeinträchtigte Kinder zur Welt zu bringen.

Standard: Gibt es in Ihrem Forschungsbereich einen Ansatz, um älteren Frauen zu gesunden Eizellen zu verhelfen?

Tachibana-Konwalski: Das ist der Heilige Gral dieses Forschungsgebietes, und darauf arbeiten wir hin. Aber es ist noch zu früh, zu sagen, wann und wie das möglich sein wird.

Standard: Ist Ihnen Ihr Forschungsgebiet auch ein persönliches Anliegen?

Tachibana-Konwalski: Als Frau in der akademischen Forschungswelt bin ich mir durchaus bewusst, dass das Kinderkriegen meist sehr spät anfällt. Bei Frauen mit Karrieren ist das generell so. Die Erforschung der weiblichen Fruchtbarkeit wird daher immer wichtiger.

Standard: Welche Ziele verfolgen Sie?

Tachibana-Konwalski: Wir möchten die Chromosomenteilung der Eizelle weiter erforschen und verstehen lernen, welche Faktoren die Teilung regulieren. Zudem schauen wir auf die Befruchtung der Eizelle und die frühe embryonale Entwicklung. Die Eizelle ist die einzige Zelle im Körper, die zu einem neuen Organismus führen kann. Sie programmiert nach der Befruchtung den Zellkern der Spermazelle um, damit diese vergisst, dass sie eine Spermazelle war, und so zur Entstehung eines neuen Organismus beitragen kann. Diese weibliche Kontrolle des Umprogrammierens ist faszinierend. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.12.2011)


Kikue Tachibana-Konwalski wurde 1978 in Graz geboren. Die Forscherin mit österreichisch-japanischer Nationalität studierte Naturwissenschaften mit Schwerpunkt Genetik an der University of Cambridge und arbeitete nach der Promotion fünf Jahre an der University of Oxford. Seit 1. November ist sie Gruppenleiterin am Institut für Molekulare Biotechnologie (Imba).

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