"Politische Rituale sind von Männlichkeit geprägt"

  • Motivforscherin Sophie Karmasin.
    foto: regine hendrich

    Motivforscherin Sophie Karmasin.

  • Politikwissenschaftler Peter Filzmaier.
    foto: regine hendrich

    Politikwissenschaftler Peter Filzmaier.

Parteipolitische Angebote für Männer gibt es zur Genüge - Doch wie sieht es mit den Chancen einer Frauenpartei in Österreich aus?

Autofahrerpartei, Männerpartei, Frank Stronach und die Piraten: Jeder zweite Mann kokettiert mit einer der neuen Partei-Ideen. Vor allem Stronach und die Piraten sind bei Wählern hoch im Kurs, sagt Motivforscherin Sophie Karmasin mit Blick auf eine kürzlich von ihr durchgeführte Umfrage. Generell sei das parteipolitische Angebot für Frauen im Vergleich zu jenem für Männer dürftig, sind sich Karmasin und der Politikwissenschaftler Peter Filzmaier einig.

58 Prozent der von Karmasin befragten 500 Frauen und Männer jedoch meinten, keine der neuen Parteien sei für sie wählbar. Findet sich hier also Platz für eine Frauen- oder feministische Partei? dieStandard.at hat die zwei KennerInnen der österreichischen Polit-Szene nach ihrer Einschätzung gefragt.

Auch ÖVP und FPÖ bieten Männern ein breites politisches Angebot. Karmasin meint, es seien die Freiheitlichen, die unter den neuen Parteien leiden: "Vor allem die Piraten und Stronach ziehen primär Wähler von der FPÖ ab", beobachtet die Motivforscherin. "Sie kommen von der ÖVP", meint Filzmaier. "Von ihrer Heimat enttäuscht" seien sie, der Weg zur SPÖ oder zu den Grünen jedoch zu weit. "Gemäßigt, rechts der Mitte, angestellte junge Männer", charakterisiert der Politologe jene, die sich von den neuen Parteien angezogen fühlen.

Bei Frauen hätten es neue politische Gruppierungen grundsätzlich schwerer anzukommen: "Leider ist es so, dass sich Frauen und jüngere Menschen weniger für Politik interessieren", das sei zumindest im Moment so, meint Karmasin. Es könnte also auch eine Strategie sein, Frauen erst gar nicht mit frauenpolitischen Programmen anzusprechen, vermutet die Motivforscherin.

"Keine Zeit für Politik"

Filzmaier ist hier anderer Ansicht: Aufgrund der hohen weiblichen Wahlbeteiligung bei Nationalratswahlen (circa 80 Prozent) will er nicht von politischem Desinteresse bei Frauen sprechen. Man müsse einen differenzierten Blick auf Frauen und Politik werfen: "Frauen haben aufgrund der Mehrfachbelastung zum einen gar keine Zeit für Politik, zum anderen sind viele politische Rituale von Männlichkeit geprägt. Die Männerrituale beginnen beim Stammtischzirkel und finden sich in der Sitzungskultur wieder. Man kann von einer formalen Gleichberechtigung sprechen, nicht jedoch von einer gesellschaftlichen. Für Frauen ist der Zugang zur Politik daher erschwert", meint er.

Die Chance für eine dezidierte Frauenpartei schätzt er demnach hoch ein: "Ich kann keine Zahl nennen, aber ich glaube, eine Frauenpartei hätte gute Chancen, ins Parlament zu kommen und die vierprozentige Hürde zu überwinden."

Gefühl der Benachteiligung vorhanden

Immerhin, dass sich rund 80 Prozent der Frauen benachteiligt fühlen, sei ein Faktum, so Motivforscherin Karmasin. Dies berge zumindest auf theoretischer Ebene ein hohes Potenzial für eine Frauen- und/oder feministische Partei in Österreich. Das Benachteiligungsgefühl sei jedoch ein gelebtes Problem. Frauen entscheiden sich an den Wahlurnen "aus einem traditionellen Rollenverständnis heraus, die Benachteiligung mehr oder weniger hinnehmend, nicht für Parteien, die ihre Interessen vertreten". Eine Diskrepanz die in der Praxis auch für traditionelle Parteien, etwa die SPÖ, keine WählerInnen-Stimmen bringt.

In Deutschland zeigt sich die von Karmasin angesprochene Diskrepanz deutlich: Die seit 1995 bestehende feministische Partei "Die Frauen" hat seit 1998 an 16 Wahlen auf Landtags-, Bundestags- und Europa-Ebene teilgenommen. Allerdings konnte sie nie mehr als 0,6 Prozent der Stimmen einfahren. Da die Stimmungslage in Deutschland mit der in Österreich gut vergleichbar sei, stellt sich für Karmasin die Frage, ob es grundsätzlich klug sei, klassische Frauenthemen zum Parteiprogramm zu machen: "Die Frage nach Emanzipation oder der Kampf um gleiche Rechte sind für eine Partei einfach zu dünn", konstatiert sie mit Blick auf mögliche WählerInnen-Stimmen.

In die gleiche Kerbe schlage das Motiv der Männerpartei, die aktuell aus der Obsorge-Diskussion heraus entstanden ist - für Karmasin gegenwärtig "das einzige Thema, wo Männer sagen können, sie sind benachteiligt". Sich heute öffentlich hinzustellen und zu sagen "Nein, wir sind dagegen, dass Frauen gleichberechtigt sind", sei ein besonderes Minderheitenprogramm, erklärt Karmasin.

Frauenpartei im antifeministischen Dunstkreis

Historisch betrachtet gab es in Österreich - in einem antifeministischen Dunstkreis entstanden - bereits eine Frauenpartei. Nach dem Ende der Habsburger-Monarchie erwarteten sich Frauen eine politische, berufliche und gesellschaftliche Gleichstellung. Gleichzeitig schlitterten die Männer in eine Identitätskrise: Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wurden ihre kriegerischen Tugenden nicht mehr gebraucht, zudem waren sie mit einer Ablehnung ihrer hegemonialen Männlichkeit konfrontiert. Das neue Selbstwertgefühl der Frauen Anfang des 20. Jahrhunderts brachte die Virilität ins Wanken, stellt Hannelore Bublitz in "Das Geschlecht der Moderne" fest.

Noch weiter ins Wanken geriet die Männlichkeit, als 1929 die bürgerliche Aktivistin Marianne Hainisch federführend die "Österreichische Frauenpartei" ins Leben rief. Die Männer suchten und fanden derweil Zuflucht in neu entstandenen antifeministischen Männerbünden. Im austrofaschistischen Klima des 20. Jahrhunderts verschwand 1934 die Frauenpartei wieder von der politischen Bühne. Ein globales Phänomen: Frauenparteien sind weltweit zu finden und verfolgen fast überall ähnliche Ziele. Und fast überall scheitern sie damit. 14 Parteigründungen gab es beispielsweise zwischen 1907 und 1995 allein in Deutschland.

"Die Frauenministerin versucht das auch"

Die gegenwärtig etwa von Ralf Bönt und Walter Hollstein deklarierte "Krise der Männlichkeit" kann die Motivforscherin nicht erkennen. Dass AntifeministInnen im Vormarsch sind, belegen inzwischen jedoch mehrere Studien. Wie also dagegen vorgehen? "In Wahrheit müssten die Frauenthemen von der SPÖ abgedeckt werden. Die Frauenministerin (Gabriele Heinisch-Hosek, Anm.) versucht das auch, aber es ist selbst für die SPÖ nicht leicht, diese Themen unterzubringen", meint Karmasin.

Themen der Frauenpartei

Würde es eine Frauenpartei in Österreich geben, müsste sie sich die "ewig diskutierten, die klassischen Themen" auf die Fahnen schreiben, um zu reüssieren, so die Einschätzung der Motivforscherin. Überhaupt seien derzeit Wirtschaftskrise, Inflation und Eurokrise in der Wahrnehmung der Menschen einfach brennender. Wenn es jemand täte, so Karmasin, müsse es um Vereinbarkeit von Familie und Beruf gehen, Kinderbetreuung, qualifizierte Teilzeitberufe, Bildung und auch die Frage der Quote in der Privatwirtschaft.

Anders sieht es der Politologe: "Welche Auswirkungen haben Inflation, Sparprogramme, Wirtschaftspolitik et cetera auf den Alltag von Frauen?" Diese Fragen, also das Herunterbrechen von aktuellen politischen Themen, wären für eine imaginierte Frauenpartei wichtig. "Sie dürften keine Frauenpolitik im engeren Sinn machen, sondern müssten alle Politikbereiche auf alltägliche Auswirkungen von Frauen beleuchten", erklärt Filzmaier. (Sandra Ernst Kaiser, dieStandard.at, 9.8.2012)

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